Wolfgang Mommsen (05.11.1930 - 11.08.2004)

Historiker »per Erbschein« &... Zwilling

Mommsen - das ist der Name einer erfolgreichen Dynastie deutscher Historiker. Die Familientradition begann mit Theodor Mommsen (1817-1903), der im 19. Jh. berühmt wurde mit seiner Trilogie über »Römische Geschichte«, für die er 1902 als erster Deutscher den Nobelpreis für Literatur erhielt. Sein Enkel Wilhelm Mommsen (1892-1966) war Professor für Geschichte in Marburg; dessen Zwillingssöhne Wolfgang und Hans prägten die Geschichtswissenschaft der Nachkriegszeit.

Die Zwillingsbrüder Wolfgang und Hans Mommsen wurden wichtig, weil sie sich wichtig machten - und das ist nicht negativ gemeint. Aus ihrer Beschäftigung mit der jüngeren deutschen und europäischen Geschichte zogen sie Schlußfolgerungen für deren Resultat, die Gegenwart, und äußerten sich zu tagespolitischen Diskussionen, ja, entfachten diese nicht selten.

Schon 1973 weissagte Wolfgang Mommsen, daß die Politik »wieder in ihr angestammtes Recht« eintrete. Seiner Auffassung nach, interpretiert aus dem Blickwinkel eines wissenschaftshistorischen Voll-Laien, bestehen die Aufgaben von Staat und Politik nicht darin, der Wirtschaft profitabele Gewinne zu garantieren und darauf zu hoffen, daß diese (die Wirtschaft) die Allgemeinheit an jenen (den Gewinnen) teilhaben läßt, z.B. in Form von Arbeitsplätzen, sondern vielmehr darin, die öffentliche Sicherheit und Ordnung und die Rechte jedes einzelnen Bürgers zu wahren. Dies - aber darüber kann jeder für sich selbst urteilen - tut der Staat meines Erachtens derzeit nicht mehr.

Wolfgang und Hans Mommsen wurden am 5. November 1930 in Marburg geboren und waren, wie üblich für ihre Zeitgenossen, in der Hitler-Jugend. 1945 mußten sie miterleben wie der Vater, eigentlich ein Anhänger der Weimarer Republik, als einer der wenigen Historiker aus politischen Gründen entlassen wurde - ein einschneidendes und prägendes Ereignis.

1951 begannen die Zwillingsbrüder - nicht ganz ohne Lenkung ihres Vaters - ihr Studium der Geschichte und Philosophie in Marburg. Hans studierte außerdem auch Germanistik, Wolfgang Politikwissenschaften und Kunstgeschichte. Die Studien wurden 1958 in Köln beendet, danach trennten sich ihre Wege: Hans ging nach Tübingen zu Hans Rothfels (1891-1973), der die Schwerpunkte der Geschichtswissenschaften des 20. Jh. entscheidend gelenkt hat. In Köln promovierte Wolfgang unter den Fittichen eines Schülers von Rothfels. So blieben die Brüder stilistisch eng beieinander, auch wenn sie den Arbeiten des anderen stets kritisch gegenüberstanden.

Wolfgang Mommsen beschäftigte sich - wohl unter strenger Wahrung sowohl der familiären als auch der inhaltlichen Kontinuität - mit Max Weber (1864-1920), einem Schüler seines Urgroßvaters Theodor Mommsen und Bruder seiner Großtante Klara (1875-1953). In seiner Dissertation »Max Weber und die deutsche Politik 1890-1920« (1958) revolutionierte er mit Paukenschlag das Bild des berühmten Soziologen, der mit seinen Lehren das 20. Jh. maßgeblich beeinflußt hatte.

Im Anschluß begann für Wolfgang Mommsen eine neue »Prägephase« - als Stipendiat des British Council an der Universität Leeds. Heute gilt er daher als Experte für neuere deutsche und englische Geschichte.

Ab 1959 arbeitete Wolfgang Mommsen als Assistent in Köln, habilitierte 1967 zeitgleich mit seinem Zwillingsbruder und wurde im Jahr darauf Professor für Mittlere und Neuere Geschichte an die Universität Düsseldorf. Hans Mommsen wurde als Professor für Neuere Geschichte nach Bochum berufen.

Die Brüder »teilten« die neuere deutsche Geschichte quasi unter sich auf; Wolfgang Mommsen beschäftigte sich mit der imperialen Epoche 1848-1920, Hans Mommsen mit Weimarer Republik und Drittem Reich 1918-1945. Die Brüder fielen mit etlichen Thesen auf, u.a. Wolfgang mit Zweifeln an der Alleinschuld Deutschlands am Ausbruch des I. Weltkrieges, Hans mit der These, daß der Reichstagsbrand von einem Einzeltäter gelegt wurde.

Die universitäre Tätigkeit fand 1977 eine angenehme Unterbrechung, als Wolfgang Mommsen zum Leiter des neugegründeten Deutschen Historischen Institutes in London bestellt wurde. Unter seiner Führung wurde die Institution rasch namhaft und zum Veranstaltungsort zahlreicher Konferenzen, auf denen junge Wissenschaftler mit neuen Fragestellungen die Geschichtswissenschaft aus ihrem Trott katapultierten.

1979 wurde die von Hans Mommsen losgetretene Frage diskutiert, ob die Verbrechen in Nazi-Deutschland auf die zentrale Figur Adolf Hitler (1889-1945) zu reduzieren sind oder welche Rolle die Strukturen im NS-Staat dabei spielten. Die Diskussion war und ist deshalb so bedeutend, weil sie das Handeln und die Verantwortung des einzelnen in den Mittelpunkt rückte, was man zuvor über Jahrzehnte tunlichst vermieden hatte.

Solche und ähnliche Diskussionen, wie der Historikerstreit der 80er Jahre, veranlaßten den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (*1930), von der »Gnade der späten Geburt« zu sprechen. Tatsächlich ging der konservativen Regierung unter Helmut Kohl das »Treiben« in London entschieden zu weit. 1985 wurde Wolfgang Mommsen auf seinen Lehrstuhl nach Düsseldorf zurückversetzt und ein Nachfolger mit der Leitung des Institutes beauftragt, der es wesentlich ruhiger führte.

Wolfgang Mommsen blieb nicht lange ohne verantwortungsvolle Aufgabe. 1988 übernahm er den Vorsitz des Verbandes der Historiker Deutschlands für vier Jahre und gliederte in dieser Funktion die Geschichtswissenschaftler der DDR in das westdeutsche System ein.

1996 wurde Wolfgang Mommsen emeritiert, er blieb jedoch aktiv in wissenschaftlichen Kollegs und als Gastprofessor und arbeitete bis zuletzt weiter über Max Weber.

Den 75. Geburtstag des Zwillingspaares am 5. November mußte Hans Mommsen jedoch allein begehen: Wolfgang Mommsen erlitt am 11. August 2004 während eines Urlaubs auf Usedom einen Herzinfarkt und ertrank in der Ostsee.
Wir wünschen Hans Mommsen nichtsdestotrotz noch viele freudvolle Ehrentage und einen angenehmen Lebensabend!


Silke Sorge