Willem Einthoven

Willem Einthoven (21.05.1860 - 28.09.1927)

Mediziner, Entwickler &... Sportler

Eine der am häufigsten angewandten diagnostischen Methoden der Medizin stellt das Elektrokardiogramm dar. Die Technik ist uns so vertraut, daß sie uns simpel und selbstverständlich vorkommt. Das läßt uns leicht vergessen, daß dies nicht immer so war. Der Mann, der das Verfahren entwickelt hat - Willem Einthoven - brauchte fast sein ganzes Leben dafür.

Willem Einthoven wurde 1860 als Sohn eines niederländischen Militärarztes auf Java geboren. Der Vater starb sechs Jahre später, 1870 zog seine Mutter mit ihren sechs Kindern zurück in die Niederlande nach Utrecht. Willem besuchte die Oberschule und studierte ab 1878 in Utrecht Medizin. 1885 schloß er mit der Promotion ab und trat schon 1886 eine Professur in Leiden an. Bald darauf begann er mit den Arbeiten, die später zur Technik des Elektrokardiogramms führten, für die er 1924 den Nobelpreis für Medizin erhielt, bevor er 1927 - in Leiden - starb. Das klingt nach einem sehr geradlinigen Lebenslauf.

So gar nicht ins Bild will da seine erste Veröffentlichung aus der Zeit seines Studiums passen: »Einige Bemerkungen über das Ellenbogengelenk«. Willem Einthoven war eben weitaus vielseitiger, als uns dies heute im Gedächnis ist. Er liebte den Sport, war während seines Studiums Präsident eines Gymnastik- und eines Fechtvereins und Mitbegründer des Studentischen Ruderclubs Utrecht. Bei einer dieser Betätigungen brach er sich das Handgelenk und wurde so zum Selbststudienobjekt für die erwähnte Veröffentlichung.

Seit der Doktorarbeit interessierte sich Willem Einthoven für Optik. Die Dissertation beschäftigte sich mit »Spektroskopie durch Farbvariation«, dahinter verbirgt sich der 3D-Effekt einer Rot-Grün-Brille. Weiterhin veröffentlichte er u.a. »Eine einfache physiologische Erklärung für verschiedene geometrisch-optische Täuschungen« (1898) und »Die Accomodation des menschlichen Auges« (1902), über die Anpassung des Auges an den Lichteinfall.

Große Anerkennung erhielt er für seine erste Leidener Publikation »Über die Wirkung der Bronchialmuskeln nach einer neuen Methode untersucht, und über Asthma nervosum« (1892). Mit der 'neuen Methode' waren möglicherweise seine Versuche mit einem Kapillarelektrometer gemeint. Unter Verwendung eines Kapillarelektrometers hatte im Jahre 1887 der Engländer Augustus D. Waller (1856-1922) erstmals Herzstromkurven erhalten. Willem Einthoven wollte mit der Technik Herztöne aufzeichnen und bastelte Jahre lang an ihrer Verbesserung in puncto Empfindlichkeit, Genauigkeit und Störanfälligkeit. 1895 waren die Arbeiten von ersten Erfolgen gekrönt, als er »Über die Form des menschlichen Elektrokardiogramms« berichten konnte.

Anders als bei der Röntgenstrahlung, die zeitgleich entdeckt wurde, erkannte beim EKG zunächst niemand die Tragweite. Zum einen waren die Zusammenhänge zwischen Herzerkrankungen und den Stromkurven noch nicht aufgedeckt, und Willem Einthoven investierte viel Zeit und Anstrengung in deren Untersuchung. Andererseits waren diese ersten EKG's weniger aufgezeichnet als vielmehr berechnet, da die Technik eine Vielzahl mathematischer Korrekturen erforderte. Willem erkannte, daß dies so nicht praktikabel war und erfand das Saitengalvanometer (ab 1901). Damit entfielen die Berechnungen, doch noch immer ähnelte der Versuchsaufbau nicht im geringsten unseren heutigen Apparaten. Vielmehr nahm die Installation einen ganzen Raum in Anspruch und erforderte einen Stab von Mitarbeitern zur Bedienung. Aber mit dieser Technik konnte Willem Einthoven, unterstützt von einer Vielzahl von Studenten und Gastwissenschaftler, ab 1903 das EKG und auch die Herztöne systematisch untersuchen.

Erst mit Entwicklung der Röhrentechnik verkleinerte sich die Technik und führte Anfang der 20er Jahre zu einer gewissen Mobilität. In den 30er Jahren wurden tragbare Ausführungen entwickelt, in den 50er Jahren entstand die Technik für ein Langzeit-EKG und - erst jetzt! - wurde das EKG zur Standardmethode. Daß Willem Einthoven mit seinen unermüdlichen Arbeiten eines der grundlegenden Diagnoseverfahren entwickelte, hat er also nie erfahren.

Von seiner Einstellung war Willem Einthoven der ideale Mediziner, der mehr über Krankheiten erfahren wollte, um den Patienten besser helfen zu können. Von der Arbeitsweise her war er aber eher ein Physiker und Tüftler - und nur der Tatsache, daß er mehrere Talente miteinander verbinden konnte, haben wir es zu verdanken, daß seine Tätigkeit in einem ernormen Gewinn für die gesamte Menschheit resultierte. Leider teilt er das typische Schicksal anderer Multitalente, die schneller vergessen werden als solche Personen, die sich in eine Schublade stecken lassen.

Am 20. Mai wäre Willem Einthoven 145 Jahre alt geworden.


Silke Sorge