Sophie Tieck

Sophie Tieck (28.02.1775 - 01.10.1833)

Verträumt, verschmäht... & vergessen

Über die Schriftstellerin Sophie Tieck sind so wenig Informationen verfügbar, daß es fast einfacher ist, sie über ihre männliche Verwandtschaft zu beschreiben: sie war die Schwester des Schriftstellers Ludwig Tieck (1773 - 1853, »Der gestiefelte Kater«, »Ritter Blaubart«, beide 1797) und des Bildhauers Friedrich Tieck (1776 - 1851). Und genau darin wiederspiegelt sich bereits die Tragik, der Sophie Tieck zum Opfer fiel, daß Frauen über Jahrtausende von und über Männer definiert und vorverurteilt wurden.

Sophie Tieck wurde am 28. Februar 1775 als Tochter eines Seilermeisters in Berlin geboren. Während ihre Brüder das Gymnasium besuchten, mußte sie sich ihre Bildung autodidaktisch selbst aneignen. In der anregenden Atmosphäre des preußisch aufgeklärten Berlins fand sie letztlich zur Schriftstellerei. Ludwig bewunderte die Werke und Fähigkeiten seiner Schwester. Die Erzählungen, die er zwischen 1794 und 1798 in dem Almanach »Straußfedern« veröffentlichte, verfaßte er teils in Zusammenarbeit mit ihr. Doch während der Bruder in die Welt hinauszog und berühmt wurde, hielt die gesellschaftliche Konvention für Frauen nur eine Rolle in Heim und Familie bereit.

1799 heiratete Sophie Tieck einen Freund Ludwigs, seinen früheren Lehrer für alte Sprachen August Ferdinand Bernhardi (1769 - 1820). Mit ihm zusammen gab sie die dreibändigen »Bambiocciaden« (1797 - 1800) heraus, eine Sammlung satirischer Erzählungen und Dramen, zu der sie zwei Lustspiele beitrug (z.B. »Die vernünftigen Leute«). Doch August Bernhardi, der sich selbst literarisch betätigte, schätzte das Talent seiner Frau nicht. Obwohl sie mit diversen Veröffentlichungen, wie dem zweibändigen Briefroman »Julie Saint Albain« (1801) und »Dramatische Phantasien« (1804), wesentlichen Anteil am bescheidenen Familieneinkommen hatte, wußte er ihre Arbeit nicht zu würdigen. Drei Kinder ließen ihr zudem kaum Zeit, trotzdem erschien 1802 eines ihrer wichtigsten Werke »Wunderbilder und Träume in elf Märchen«. Das Buch war so erfolgreich, daß es 1823 neu aufgelegt wurde, danach jedoch erst wieder im Jahre 2000!

Sophie Tieck-Bernhardi leistete einen bedeutsamen Beitrag zur deutschen Romantik. Überhaupt war die Beteiligung von Frauen an der romantischen Dichtung wesentlich größer, als es heute allgemein bewußt ist. Namen wie z.B. Brentano, von Arnim, Schlegel und Tieck sind fest mit der deutschen Literatur verbunden - und jeder von diesen könnte sowohl mit männlichen als auch mit weiblichen Vornamen (teils mehrmals) ergänzt werden. Während die Männer sich aber als Schöpfer hoher Kunst zelebrierten, beurteilten sie das Wirken der Frauen gemeinhin als dilettantisch, ein Beigeschmack, der sich bis heute gehalten hat. Um diesem Vorurteil zu entgehen, veröffentlichten viele Schriftstellerinnen anonym oder unter den Namen männlicher Angehöriger. Ein prominentes, ähnlich gelagertes Beispiel findet sich in Sophies Familie. Die Shakespeare-Übersetzungen ihrer Nichte Dorothea Tieck (1799 - 1841) sind bis heute maßgebend, wurden jedoch unter dem Namen ihres Vaters Ludwig publiziert. Sophie war unter diesen Bedingungen immer unzufrieden und stieß damit anscheinend nicht einmal bei Ludwig auf Verständnis.

Nach einer Flucht durch Europa wurde 1807 die unglückliche Ehe mit Bernhardi geschieden. Sie heiratete den estnischen Baron Karl Gregor von Knorring und zog ins Baltikum. Dort entstand u.a. der Roman »Evremont«, in dem sie sich kritisch mit ihrer Zeit und der Gesellschaft auseinandersetzte (posthum von Ludwig 1836 veröffentlicht).

Sophie starb am 1. Oktober 1833 in Tallinn. Wenn ihr Dasein sich in ihrem umfangreichen Werk, Romane, Briefe, Erzählungen, Balladen, Gedichte, Märchen, Dramen und Novellen, reflektiert, dann war ihr Leben ein steter Wechsel zwischen Aufschrei und Verzweiflung. Obwohl sie heute als die begabteste Schriftstellerin ihrer Zeit angesehen wird, wurde sie vollkommen vergessen. Ihr 230. Geburtstag am 28. Februar ist ein guter Anlaß, Sophie Tieck wieder auferstehen zu lassen.


Silke Sorge