Rudolf Christian Boettger! (28.04.1806 - 29.04.1881)

Boettger, bei diesem Namen denkt man unweigerlich an den »Chemiker« Johann Friedrich Böttger (1682-1719), der das Meisner Porzellan erfand - angeblich, denn die Rezeptur hatte er seinem Vorgesetzten, Ehrenfried Walther von Tschirnhaus (1651-1708) geklaut. Nach dessem plötzlichen Tod hatte Johann Böttger Zugang zum Nachlaß des Mathematikers und nahm die Rezeptur an sich, um nur acht Tage später zu verkünden, daß er die Herstellung des Porzellans entschlüsselt hatte.

Der Chemiker Rudolf Christian Boettger hatte es nicht nötig, sich mit fremden Federn zu schmücken. Er schmückte sich nicht einmal mit denen, die er verdient hätte, und so ist eine seiner bedeutendsten Erfindungen, die Sicherheitszündhölzer, heute als »Schwedenhölzer« bekannt.

Rudolf Christian Boettger wurde am 28. April 1806 in Aschersleben geboren und besuchte das damals schon renommierte Stephaneum, das älteste Gymnasium Sachsen-Anhalts. Als Sohn eines Küsters kam wohl nichts anderes als ein Studium der Theologie in Frage, das er 1822 in Halle aufnahm, nebenher studierte er Chemie und Physik.

1828 nahm Rudolf Boettger seinen Kirchendienst im thüringischen Mühlhausen auf, doch bald darauf widmete er sich nur noch seinen naturwissenschaftlichen Interessen. Er ging nach Jena zu dem Chemiker und Autodidakten Johann Wolfgang Döbereiner (1780-1849) und forschte vermutlich über Wasserstoff.

Der weitere Lebensweg Rudolf Boettgers hing eng mit der Geschichte des Physikalischen Vereins in Frankfurt/Main zusammen. Der Verein war 1824 auf Anregung von Johann Wolfgang Goethe zur Förderung der physikalischen Wissenschaften und der Industrialisierung Frankfurts gegründet worden. 1835 stellte der Verein Rudolf Boettger als Lehrer für Chemie ein. 1837 promovierte er in Jena. Im selben Jahr erfand Moritz Herrmann von Jacobi (1801-1874) das Verfahren der Galvanoplastik, eine Technik zur Herstellung hohler Metallplastiken, die Rudolf Boettger von anbeginn begeisterte und auf deren Weiterentwicklung er viel Aufmerksamkeit verwand.

Überhaupt hatte es die galvanischen Techniken dem Chemiker angetan. Er erfand die Elektrographie, ein galvanisches Ätzverfahren zur Herstellung von Druckplatten, galvanische Verfahren zum Färben und Beschichten von Metallen sowie zum Platinieren und Versilbern von Glas und zusammen mit Bromeis die Hyalographie, eine Ätzmethode für den Glasdruck.

Doch noch für eine Reihe weiterer Erfindungen und Verfahren zeichnete Rudolf Boettger, 1842 zum Professor ernannt, verantwortlich oder war maßgeblich an ihrer Entwicklung beteiligt. 1846 entdeckte er die Nitrozellulose, auch Schießbaumwolle genannt, die nicht nur hochexplosiv ist, sondern auch das Ausgangsmaterial für Zelluloid, dem ersten Kunststoff überhaupt, der vom Filmmaterial bis zur Feinstrumpfhose eine breite Anwendung fand. Unabhängig von Rudolf Boettger hatte Christian Friedrich Schönbein (1799-1868) in Basel die Nitrozellulose hergestellt. Die Entdecker bekamen rasch voneinander Wind, und Schönbein kam zu Rudolf Boettger nach Frankfurt, um die Forschungen gemeinsam voran zu treiben. Sie arbeiteten in einem Laboratorium im Museum Senckenberg in Frankfurt, direkt unter der kostbaren zoologischen Sammlung. Als die Kuratoren im Nachhinein davon erfuhren, waren sie einem Herzinfarkt nahe. Doch »glücklicherweise« hatten alle Explosionen der Substanz bei Rudolf Boettger zuhause in der Küche stattgefunden. Das Ausmaß der Schäden ist nicht überliefert.

Boettger und Schönbein beantragten für ihre Erfindung ein gemeinsames Patent. Rudolf Boettgers haushaltspraktisch bedeutendste Erfindung aus dem Jahre 1848, die Sicherheitszündhölzer, sollte jedoch allen Menschen zugute kommen, weshalb er in diesem Fall auf eine Patentanmeldung verzichtete. Als es dann andere an seiner Stelle taten, kostete es ihm einige Mühe, die Anerkennung als Erfinder zurückzuerlangen.

Sicherheitszündhölzer - der holprige Begriff suggeriert, daß es schon ein unsicheres Produkt gegeben haben muß. Tatsächlich gab es zuvor Streichhölzer mit Köpfen aus weißem Phosphor. Der ist nicht nur giftig, er entzündete sich auch gelegentlich von selbst. Das konnte bei Boettgers Zündsystem mit Köpfen aus Kaliumchlorat, Antimonsulfid und Glaspulver kombiniert mit einer Reibefläche aus rotem Phosphor nicht mehr passieren.

Rudolf Christian Boettger und der Physikalische Verein Frankfurt profitierten offenbar stark voneinander, Rudolf Boettger, indem er die Arbeitsbedingungen vorfand, in denen sich seine experimentelle Natur entfalten konnte, der Verein durch den engagierten Dozenten, der eine Vielzahl erfolgreicher Schüler unterrichtete.

Am 29. April 1881 starb Rudolf Christian Boettger nur einen Tag nach seinem 75. Geburtstag in Frankfurt. Am 28. April 2006 wäre er 200 Jahre alt geworden.

Heute erinnern in Frankfurt am Main drei Denkmäler an den vielseitigen Erfinder: das Gutenberg-Denkmal am Roßmarkt, das 1854-58 als erste Großplastik nach Anleitung Boettgers galvanisch gefertigt wurde, eine Bronzebüste am Physikalischen Verein in der Senckenberg-Anlage und ein Relief am Westflügel des Römer, dem berühmten Frankfurter Rathaus, das Rudolf Christian Boettger als Fünften in einer Reihe bedeutender Techniker zeigt.


Silke Sorge