Rainer Maria Rilke (04.12.1875-29.12.1926)

Lyriker, Autor &... Suchender

»Solange man gezwungen ist, das Andere auch jedesmal für das Falsche, Arge, Feindliche zu halten, statt eben schlechthin für - das Andere, solange bekommt man keine gelassene und gerechte Beziehung zur Welt... Und nur unter Voraussetzung und Zugebung einer solchen, vollzähligen, Welt wird man auch das eigene Innere, mit seinen internen Kontrasten und Widersprüchen, weit und geräumig und luftig einrichten.« (1915)

Am 4. Dezember 1875 wurde René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke in Prag geboren. Seine Kindheit war alles andere als glücklich. Der dominanten Mutter Sophie (1851-1931) hatte er die früh verstorbene ältere Tochter zu ersetzen. Auf Kinderphotos sieht man ihn bis zu seinem 6. Lebensjahr in Kleidern und mit langem Haar. Ab dem 10. Lebensjahr sollte er dann auch noch die Träume seines unzufriedenen Vaters Josef (1838-1906) leben, der seine Offizierskarriere früh hatte beenden müssen: das überbehütete Kind wurde auf eine Militärschule geschickt. Es folgten sechs harte Jahre, die den sensiblen Jungen nachhaltig traumatisierten.

1891 gelang es ihm, krankheitsbedingt die Militärschule zu verlassen. Er nahm Privatunterricht und legte 1895 das Abitur ab, um im Anschluß in seiner Geburtsstadt ein Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Philosophie aufzunehmen. Absichtlich ist hier der Begriff »Geburtsstadt« gewählt, denn so etwas wie »Heimat« oder »Zugehörigkeit«, sei es zu Orten oder auch Personen, konnte Rilke Zeit seines Lebens nicht empfinden. Bald wechselte er an die Universität in München und änderte, zum Zeichen, daß er seine Vergangenheit komplett hinter sich zu lassen gedachte, seinen Vornamen René in Rainer.

Doch um nach einem derart verheerenden Start ins Leben zu einem solchen Ausgleich-- gar Frieden - mit sich und der Welt zu gelangen, wie er in dem oben aufgeführten Zitat zu erkennen ist, bedurfte es mehr als einer Änderung des Namens, es war ein langer harter Weg. Für den musisch begabten jungen Mann stellte sich nur eine Möglichkeit der Verarbeitung. Als er sich 1897 in die verheiratete Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé (1861-1937) verliebte, brach er das eh nur halbherzig geführte Studium ab und folgte ihr nach Berlin, um sich einer Karriere als Schriftsteller zu widmen. Gemeinsame Reisen nach Italien und Rußland schlossen sich an.

Unter dem Einfluß der gebildeten Frau reifte Rainer Maria Rilke intellektuell, emotional und künstlerisch. Auf ihre Anregung hin beschäftigte er sich mit der Philosophie Friedrich Wilhelm Nietzsches (1844-1900). 1899 entstand die »Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke«, die nach seiner Veröffentlichung 1906 zum Bestseller wurde.

Ende 1900 beendete Lou Andreas-Salomé die Beziehung, blieb dem Schriftsteller jedoch zeitlebens gute Freundin und Beraterin, die ihm später sogar mittels Freud'scher Psychoanalyse zur Selbsterkenntnis verhalf. Im Frühjahr 1901 heiratete Rainer Maria Rilke die Bildhauerin Clara Westhoff (1878-1954). Jedoch hatte sich die romantische Dichterseele Heim und Familie anders erträumt. 1902 verließ er seine Frau und seine Tochter Ruth (1901-1972) und bereiste Paris.

Das Großstadttreiben und die mit ihr verbundene Einsamkeit schockierten ihn, seine Eindrücke schlugen sich in dem Roman »Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge« (1904-1910) nieder. Von nun an hielt sich Rainer Maria Rilke regelmäßig in Paris auf und beschäftigte sich mit den Werken des Bildhauers Auguste Rodin (1840-1917), bei dem er 1905/06 auch eine Anstellung als Sekretär hatte, und des Malers Paul Cezanne (1839-1906). In Folge erreichte seine Dichtkunst eine ungewöhnliche Plastizität, »Neue Gedichte« (1903-1907) und »Der neuen Gedichte anderer Teil« (1907/08) entstanden.

Doch die äußere Realität hielt der eigenen Entwicklung nicht Schritt. »Leben« in der Intensität, wie es sich Rainer Maria Rilke erhoffte, fand er nur in seiner Kunst. In seinen Romanzen erging es ihm nicht anders, zudem plagte ihn anhaltend Geldnot. Er geriet in eine Schaffenskrise. Die 1912 auf dem Schloß Duino einer seiner Gönnerinnen, der Gräfin Marie von Thurn und Taxis, begonnenen »Duineser Elegien« fanden lange Zeit keinen Abschluß.

Der Beginn des I. Weltkrieges unterbrach das Wanderleben des Dichters, der sich nach München zurückzog und in einer neuen Liebe zu einer Malerin aufging, bis er Anfang 1916 zum Militär eingezogen wurde. Auf Betreiben einflußreicher Freunde wurde er bereits im Juli 1916 wieder entlassen, doch unter dem erneuten Eindruck des rigiden Militarismus erlosch sein letzten Funke Kreativität.

Nach dem Krieg begab sich Rainer Maria Rilke in der Schweiz auf die Suche nach einer neuen »Heimstatt«, die er erst 1921 im Schloßturm von Muzot im Schweizer Wallis fand. Hier vollendete er innerhalb weniger Wochen die »Duineser Elegien« (1922) und verfaßte die »Sonette an Orpheus« (1922).

Die neue Schaffensperiode wurde bereits 1923 von gesundheitlichen Problemen überschattet, die zunehmende Aufmerksamkeit verlangten. 1925 kehrte Rainer Maria Rilke für einige Monate nach Paris zurück, in der Hoffnung, seiner Krankheit durch Ortswechsel entfliehen können. In diesen, seinen letzten, Jahren schrieb er bedeutende französischsprachige Lyrik.

Am 29. Dezember 1926 starb Rainer Maria Rilke in Val-Mont in der Schweiz an Leukämie. Am 4. Dezember wäre er 130 Jahre alt geworden.


Silke Sorge