Pythagoras (6. Jh. v. Chr.)

Philosoph, Mathematiker &... Musikwissenschaftler

»Alles ist Zahl.«

Diese Woche soll wieder einer Person gewidmet sein, die aufgrund fehlender Lebensdaten in unserer Rubrik eigentlich keine Chance hätte: Pythagoras von Samos. Pythagoras ist bis heute als überragender Mathematiker berühmt, was nicht zuletzt an dem nach ihm benanntenSatz des Pythagoras liegt. Der besagt, daß in einem rechtwinkeligen Dreieck die Summe der Quadrate über den Seiten, die dem Winkel anliegen (Katheten), gleich dem Quadrat über der dem Winkel gegenüberliegenden Seite (Hypothenuse) ist.

Dieser Zusammenhang wurde allerdings nicht von Pythagoras entdeckt, vielmehr war er den Ägyptern und Indern bereits 2000 Jahre zuvor bekannt - er wurde zum Beispiel beim Bau der Pyramiden zur Konstruktion der rechten Winkel angewandt - und trotz geringer Datenlage läßt sich nachweisen, daß Pythagoras ihn wohl genau von diesen hatte.

Pythagoras wurde etwa 575/70 v. Chr. auf der griechischen Insel Samos vor Kleinasien geboren. Seine Mutter war eine Einheimische, sein Vater ein griechischer Händler. Früh verließ er seine Heimat, sei es, um seinen Vater zu begleiten oder weil er bei großen Philosophen in die Lehre ging. Anaximander von Milet (ca. 610-546 v. Chr.) wird hier erwähnt, der Schöpfer des ersten mythologiefreien Weltbildes, genauso wie dessen Lehrer (und Freund?) Thales von Milet (ca. 624-ca. 547 v. Chr.), dem Begründer der ionichen Naturphilosophie, der uns heute noch als großartiger Mathematiker bekannt ist. Auch Pherekydes (6. Jh. v. Chr.) wird als Lehrer Pythagoras' genannt, er gilt als erster Prosaist.

Da keine zeitnahen Aufzeichnungen über Pythagoras' Leben existieren, ist das alles Spekulation, doch scheint gesichert, daß Pythagoras Jahrzehnte in Ägypten und später Babylon verbrachte, wo er in Astronomie und Geometrie unterrichtet und in den orphischen Mysterienkult eingeweiht wurde. Diese Religion berief sich auf die griechische Mythologie um Orpheus, war offensichtlich aber stark vom hinduistischen Glauben beeinflußt.

Hochgebildet kehrte Pythagoras während der Herrschaft des Tyrannen Polykrates 538-522 v. Chr. nach Samos an dessen Hof zurück. Allerdings überwarf er sich kurz darauf mit dem Herrscher und floh 532 v. Chr. nach Westen. In Süditalien gründete er mithilfe des sechsfachen Olympiasiegers im Ringen Milon von Kroton (6. Jh. v. Chr.) eine religiös-philosophische, politische Schule, an der die Weisheiten (z.B. von der Vierheit: 1+2+3+4=10) als auch die Religion aus dem Orient gelehrt wurden.

Damit soll Pythagoras aber keineswegs als Trittbrettfahrer abgestempelt werden. Seine tatsächlichen Leistungen lassen sich zwar weitaus schwerer fassen als derSatz des Pythagoras (dem er übrigens als erster seine mathematische Formulierung gab), sind gleichzeitig aber auch wesentlich weitreichender als dieser. Wenn wir Pythagoras aus heutiger Sicht als Philosoph und Mathematiker bezeichnen, so trifft es das nicht, denn Pythagoras war ein mathematischer Philosoph. Er versuchte, die Welt als mathematische Gesetzmäßigkeit zu erklären - und erst diese mathematische Ordnung, die Pythagoras der Welt gab, machte aus dieser einen Kosmos (kosmos, griech.: Ordnung).

Das Zitat »Alles ist Zahl« stammt zwar vermutlich nicht von Pythagoras, sondern eher von Aristoteles (384-322 v. Chr.), ist aber treffender Ausdruck dieses Prinzips. In seinen Bemühungen, alles auf Zahlen zurückzuführen, entdeckten Pythagoras und seine Schüler die irrationalen Zahlen und die Harmonie in der Musik. Die heute noch gültige Einteilung der Töne in Oktaven geht auf Pythagoras zurück. Musikern werden auch der Quintenzirkel, pythagoräisches Komma undpythagoräische Stimmung Begriffe sein.

Für seine Zeitgenossen war Pythagoras der Anführer einer geheimnisvollen, sich vegetarisch ernährenden Sekte, die nur ausgewählte Mitglieder aufnahm. Im Gegensatz zu der gängigen Diskriminierung in der Antike gehörten ihr auch Frauen an. Theano von Kroton (um 500 v. Chr.), eine Tochter Milons, war zunächst Schülerin und später Ehefrau Pythagoras'. Hinter verschlossenen Türen forschte die Religionsgemeinschaft über Mathematik, während sie nach außen nicht nur absolutes Stillschweigen bewahrte, sondern durch Einhaltung einer friedfertigen und geregelten Lebensweise die Erlösung der Seele von einer Kette von Wiedergeburten zu erlangen suchte.

Wissenschaftliches Arbeiten einerseits und Glaube an Seelenwanderung und Wiedergeburt andererseits - das erscheint nur uns als Widerspruch. Für die Pythagoräer waren die Zahlen nicht einfach ein Mittel, die Welt zu beschreiben, die Welt bestand für sie aus Zahlen, sie waren ihr Grundprinzip. Die 10 als Ausdruck der Vierheit wurde als göttliche Zahl betrachtet. Waren Zahlen aber der Ursprung aller Dinge, so waren alle Dinge miteinander verwandt und mit Gott. Da Zahlen - so wie Gott - unsterblich sind, erlangt auch die Seele Unsterblichkeit und in ihren Bemühungen, über die Welt und die Zahlen zu reflektieren, Gottgleichheit.

Pythagoras hatte in Kroton großen Einfluß, doch die Heimlichkeit seiner religiös-sittlichen Schule erzeugte nicht gerade Vertrauen. Schließlich wurde die Schule, vermutlich um 510 v. Chr., niedergebrannt. Die Schule bestand allerdings noch 200 Jahre weiter, zunächst von Pythagoras' Frau Theano geführt und anschließend von ihrer gemeinsamen Tochter Damo, und beeinflußte maßgeblich das philosophische Klima Griechenlands.

Ob Pythagoras beim Brand der Schule - so wie viele seiner Anhänger - ums Leben kam oder nach Metapontum floh, wo er um 500 v. Chr. gestorben sein soll, wird sich wohl nie mehr sicher beweisen lassen. Die Pythagoräer nahmen ihre Geheimhaltungspflicht über die Jahrhunderte sehr ernst, so daß überhaupt keine Schriften über ihre Geschichte oder Lehren existieren.

So wird der Mann, der vor über 2500 Jahren für die Welt den entscheidenden Schritt von der Mystik hin zur Wissenschaftlichkeit getätigt hat, für uns für immer im Dunkel bleiben, da er sich selbst mit einem Mysterium umgeben hat.


Silke Sorge