Pausanias

Pausanias (2. Jahrhundert)

Geschichtsschreiber... oder Geschichtenschreiber?

Seit Beginn des Jahres ehren wir an dieser Stelle eine verdiente Person zu ihrem Geburtstag. Diese Vorgehensweise ist aber ungerecht (mitunter sogar tragisch) gegenüber jeden Personen, deren Geburtsdaten nicht bekannt sind. Das trifft beispielsweise auf beinahe alle Personen der Antike zu.

Aus der Schar der berühmten Gelehrten deren Ansichten bis heute übermittelt sind, habe ich jemanden ausgesucht, der wohl nur Historikern ein Begriff sein dürfte: Pausanias.

Pausanias wurde etwa 110 nach Christus in Magnesia (Kleinasien) geboren und starb im Jahre 180. Über sein Leben ist nichts bekannt. Daß sein Name trotzdem bis heute nicht vergessen wurde, liegt an dem Werk, das er hinterließ: eine 10(!)-bändige Beschreibung Griechenlands »Perégesis Hellados«; heute unsere wichtigste Quelle über das Griechenland des 2. Jahrhunderts. In der Vorstellung der Altertumsforscher führte Pausanias demnach ein bewegtes Leben: er bereiste Griechenland, Kleinasien, Syrien, Libyen, Ägypten und Italien und legte seine Eindrücke, vor allem über die Architektur der Orte und dazugehörige Festlichkeiten, detailliert in Reisebeschreibungen nieder.

Pausanias' Angaben prägten auch unser heutiges Bild von den Olympischen Spielen der Antike. Nach seinen Ausführungen richteten sich die Ausgräber der antiken Kultstätte Olympia. Auf den Zentimeter genau fand man die Heiligtümer und Statuen Olympischer Sieger (beziehungsweise deren Sockel, denn die Statuen selbst waren vor Verlassen Olympias demontiert und verwertet worden) an den von Pausanias beschriebenen Stellen, als hätte er Griechenland mit dem Längenmaß bereist! Nicht selten geben seine ausführlichen Beschreibungen ein sehr genaues Bild der Statuen und der Pracht, die uns verloren gegangen ist, z.B. der Statue des Zeus, die zu den sieben Weltwundern der Antike zählt.

Jedoch, mit Fortschreiten der archäologischen Untersuchungen ergaben sich Widersprüche. Die Ausgräber stießen auf Bauwerke, die nach ihren Erkenntnissen zu Lebzeiten des Pausanias bereits existiert haben müssen, von Pausanias aber mit keiner Silbe erwähnt wurden. Ist den Archäologen bei ihrer Arbeit etwa ein Fehler unterlaufen?

Den Archäologen ist tatsächlich ein Fehler unterlaufen, davon ist der Olympiagräber Ulrich Sinn in seinem Buch »Das antike Olympia« (Beck, 2004) überzeugt, aber nicht bei der Beurteilung ihrer Grabungsergebnisse, sondern bei der Bewertung des Pausanias. Nach seiner Meinung ist Pausanias ein Vertreter der sogenannten Zweiten Sophistik. Deren Ziel war es, auf möglichst angenehme und unterhaltsame Art zu bilden und zu belehren - in der Tradition der Sophistik unter kunstvoller Anwendung der Rhetorik.

Demnach muß Pausanias keineswegs geschildert haben, was er mit eigenen Augen sah. Vielmehr wird er zum Gelehrten im Studierzimmer, dem eine große Bibliothek zur Verfügung stand, aus der er, teils mit, meist ohne Angabe der Quelle, zitierte, alle verfügbaren Informationen über Griechenland zusammengetrug und diesen in eine Reisebeschreibung verpackt den Charakter persönlich Erlebtem verlieh. Dies würde unter anderem erklären, weshalb er rein ekphrasisch vorging, sprich, ausschließlich Gegenstände beschrieb, jedoch keine Landschaften, keine Stimmungen, keine Begegnungen...

Sollte sich diese Sicht des Pausanias als richtig erweisen, so würde sein Werk den Zeitbezug verlieren und müßte komplett neu beurteilt werden. Er bliebe jedoch immer ein Schriftsteller, fast 1900 Jahre lang - nämlich schon zu Lebzeiten! - erdachte Geschichten als Geschichte verkauft hat. Herzlichen Glückwunsch Pausanias!


Silke Sorge