Michael Mästlin (30.09.1550-20.10.1631)

Theologe, Astronom & Mathematiker  - der »opportunistische« Lehrer von Johannes Kepler

Michael Mästlin wurde 1550 in Göppingen geboren und studierte nach dem Besuch von Klosterschulen ab 1569 Theologie im Tübinger Stift. Das Tübinger Stift wurde 1536 von Herzog Ulrich von Württemberg (1487-1550) gegründet, um den Nachwuchs an philosophisch als auch philologisch ausgebildeten evangelischen Pfarrern sicherzustellen. Gemeinsam mit der Universität Tübingen sollte das Stift eine umfassend gebildete, geistige Elite formen. Michael Mästlin beschäftigte sich in dieser Atmosphäre neben der Theologie mit Astronomie und damit verbunden mit Mathematik. Schon als junger Magister gab er in 2. Auflage die »Preußischen Tafeln der Himmelbewegungen« (1571) des Wittenberger Mathematik-Professors Erasmus Reinhold (1511-1553) heraus, die er mit einem Nachwort und Korrekturen versah.

Astronomisch interessierte Theologen waren keineswegs eine Seltenheit - in einer Zeit, wo die bloße Beschäftigung mit den Naturwissenschaften als Ketzerei aufgefaßt werden konnte. Auf den ersten Blick mögen Astronomie und Theologie ohnehin unvereinbar erscheinen, aber nur solange, bis man sich vor Augen führt, daß der Himmel die Richtung ist, in die sich wenden muß, wer auf der substantiellen Suche nach Gott ist. Daß sich hier Antworten finden lassen würden, davon wurden die Astronomen der damaligen Zeit nicht überrascht, davon waren sie überzeugt!

Denken wir uns in ihre Welt: antike Autoren, allen voran Aristoteles, genossen unanfechtbare Autorität. Die Bibel und das antiquierte ptolemäische Weltbild stützten die Auffassung, die Erde ruhe im Mittelpunkt des Kosmos. Ergänzt wurde die Ansicht durch Aristoteles, der seine vier Grundelemente Feuer, Wasser, Erde, Luft und die Dynamik vom Werden und Vergehen nur dem erdnahen (sublunarischen) Raum zugeordnete, während alles jenseits des Mondes Kontinuität und Perfektion besaß - Planeten und Sterne zogen gleichmäßig perfekte kreisförmige Bahnen um die Erde.

Der berühmte Reformer Philipp Melanchthon (1497-1560) sah in dieser Perfektion der kontinuierlichen Himmelsbewegungen die Perfektion des göttlichen unendlichen Schöpfers versinnbildlicht. So sollte die Beobachtung der Himmelskörper praktisch Einblick in den göttlichen Verstand geben, und deren zugrundeliegende Ordnung Auskunft und göttliche Anweisung für die Ordnung, nach der Menschen leben sollten.

So gesehen blickten die Theologen mit göttlicher Legitimation zu den Sternen. Wie muß es sie erschüttert haben, Gottes Gedanken keineswegs perfekt und nicht unabhängig vom Werden und Vergehen zu sehen! 1572 - Michael Mästlin war inzwischen Repetitor für Mathematik am Tübinger Stift, das heißt, er bereitete Studenten auf ihre Prüfungen vor - beobachtete er eine Nova im Sternbild Cassiopeia, peilte den neuen Stern mit einfachsten Verfahren, einem gespannten Faden, an und ordnete das Ereignis in die supralunarische Sphäre ein, wo nach damaliger Überzeugung göttliche Kontinuität herrschen sollte. Die Beobachtung ließ ihn nicht an seinem Glauben zweifeln, wohl aber an den Lehren Aristoteles'.

Während seiner Zeit als Diakonus in Backnang (1576-79) berechnete er als erster die Bahn eines Kometen, den er 1577 beobachtet hatte. Er erkannte ihn als supralunarische Erscheinung und stellte sich öffentlich gegen Aristoteles, nach dessen Vorstellung Kometen entstanden, wenn sich schädliche Ausdünstungen im erdnahen Raum entzündeten.

Spätestens seit dieser Zeit bevorzugte Michael Mästlin auch ein Weltbild, das seit seiner Veröffentlichung 1543 für das Hirngespinst eines kranken Geistes gehalten wurde: den Heliozentrismus von Nikolaus Kopernikus (1473-1543). Der hatte jedoch auch Nachteile. Zum einen ließen sich, da Kopernikus an kreisförmigen Umlaufbahnen festhielt, die Planetenbewegungen schlechter vorhersagen als mit dem herkömmlichen ptolemäischen Weltbild, zum anderen stand er nicht nur im Widerspruch zu Aristoteles, sondern auch zur Bibel.

Michael Mästlin ging mit seiner Überzeugung gläubig-diplomatisch um. Wohl dosiert schaffte er es, sich als fähiger Mathematiker und Astronom zu etablieren, ohne verdächtig zu wirken. So konnte er ab 1580 als Professor für Mathematik in Heidelberg ganz unverfroren das neue Weltbild lehren. Er erstellte auch ein Gutachten zur Gregorianischen Kalenderreform (1582), die er aus überwiegend politischen Gründen ablehnte. Dies Gutachten war maßgeblich dafür verantwortlich, daß der Gregorianische Kalender in protestantischen Ländern erst um 1700 eingeführt wurde.

1584 wurde Michael Mästlin Professor für mathematische Wissenschaften in Tübingen, wo er bis an sein Lebensende im Jahre 1631 blieb. Ab 1588 betreute er Johannes Kepler (1571-1630), der so wie einst er selbst am Tübinger Stift Theologie studierte. Michael Mästlin erkannte das überragende mathematische Talent seines Schülers und erteilte ihm Privatunterricht in der Kopernikanischen Planetenlehre. Später sollte das Johannes Kepler in die Lage versetzen, nach Einsicht in die Beobachtungen des hervorragenden Astronomen Tycho Brahe (1546-1601), das Kopernikanische Weltbild durch elliptische Umlaufbahnen zu korrigieren.

Ein weiterer bedeutender Schüler war Wilhelm Schickard (1592-1635), der 1623 die erste Rechenmaschine konstruierte.

Michael Mästlin war kein Revolutionär, aber er verhalf der Kopernikanischen Revolution auf den Weg. Am 30. September wäre Michael Mästlin 455 Jahre alt geworden.


Silke Sorge

 
Quelle: Dr. Charlotte Methuen: God, stars, and hermeneutics