Mechthild von Magdeburg (13. Jh.)

Mystikerin, Begine... & Kirchenkritikerin

»O Herr, minne mich gewaltig, oft und lang...
Je gewaltiger Du mich minnest, umso schöner werde ich.
« (Auszug)

Was beinahe klingt wie eine Aufforderung zur Vergewaltigung, ist der fast 800-jährige Ausdruck der tiefempfundenen, ekstatischen Liebe einer Frau - zu Gott.

Mechthild von Magdeburg wurde zwischen 1205 und 1210 als Tochter einer adligen Familie geboren. Im Alter von 12 Jahren ereilten sie erste mystische Gotteserfahrung. Sie trat mit Anfang 20 in Magdeburg einem Beginenhof bei.

Beginen waren gläubige und gewöhnlich finanziell abgesicherte Frauen, die sich in christlichen Gemeinschaften versammelten, um ein frommes Leben zu führen. Sie verschrieben sich gemeinnützigen und wohltätigen Tätigkeiten, wie dem Unterrichten und der Pflege kranker und alter Menschen. Mechthild von Magdeburg unterzog sich als Begine auch körperlichen Läuterungen, um ihren Willen dem Gottes zu unterwerfen. Sie lebte nach den evangelischen Räten Glaube, Liebe, Hoffnung und dem Armutsideal der Franziskaner.

Im Unterschied zu Nonnen waren Beginen keiner Oberin unterstellt und konnten ihre Gemeinschaft wieder verlassen. Anfang des 13. Jahrhunderts erhielten die Beginen päpstliche Anerkennung, vermutlich jedoch nur, um sie besser kontrollieren zu können. Jene Beginen, denen Mechthild von Magdeburg angehörte, waren das Dominikanerkloster von Halle zur Seite gestellt, dem auch Mechthilds Bruder Balduin beitrat.

Um 1250 begann Mechthild auf Zuspruch ihres Beichtvaters Heinrich von Halle, ihre mystischen Erfahrungen aufzuschreiben. Heinrich von Halle sortierte ihre Aufzeichnungen und veröffentlichte zwischen 1250 und 1259 die ersten fünf Bände des »Fliessende Licht der Gottheit« (»Vliessende lieht miner gotheit«). Selbstbewußt schilderte sie im Stile höfichen Minnegesanges und beeinflußt durch Autoren wie Hildegard von Bingen ihre Sehnsucht nach Gott und die Vereinigung als auch anschließende Entzweiung ihrer Seele mit Gott. Nicht selten bediente sie sich in ihren Gesprächen mit Gott der Dialogform.

Beschreibungen wie die oben zitierten waren für ihre Zeit keineswegs unproblematisch, da eine Vereinigung mit Gott als ketzerisch galt (im folgenden Jahrhundert sollten Beginen auch zur Zielscheibe der Inquisition werden). Obendrein sparte Mechthild von Magdeburg nicht mit direkter, scharfer Kritik an Kirchenoberhäuptern. Bald sah sie sich schweren Anfeindungen ausgesetzt und zog sich in den 60er Jahren zu Verwandten bei Magdeburg zurück, um in Abgeschiedenheit ihr 6. Buch zu schreiben.

Nach Vermittlung durch die Dominikanermönche zu Halle trat sie 1270 in das Nonnenkloster Helfta ein, das nach den Regeln der Zisterzienser geführt wurde. Hier traf sie auf die Mystikerinnen Mechthild von Hackeborn (1241-1299) und Gertrud die Große (1256-1302). Mechthild von Magdeburg fügte ihrem Werk noch ein 7. Buch hinzu; sie diktierte es ihren Mitschwestern, nachdem sie erblindet war. Als anerkannte Schwester starb sie 1282 im Kloster Helfta.

Mechthild von Magdeburg bescherte uns mit »Das fließende Licht der Gottheit« den ersten mystischen Text in (nieder)deutscher Sprache und eines der ältesten Zeugnisse mittelalterlicher Frauenbildung. Das Original ist zwar nicht vollständig erhalten, sondern nur in lateinischer und alemannischer Übertragung, es besteht jedoch der berechtigten Grund zu der Annahme, daß diese Übersetzungen dem Original sehr nahe stehen.
Mechthild von Magdeburg wäre heute 800 Jahre alt.


Silke Sorge