Kurt Tucholsky (09.01.1890 - 21.12.1935)

Humorist, Satiriker & Mensch ...

»Drei Minuten Gehör« (1922) erbat sich Kurt Tucholsky von seinen Mitmenschen, um für den Frieden zu mahnen. Vierzehn Jahre warnte der weitsichtige Kritiker, von dem der Ausspruch »Soldaten sind Mörder« (1931) stammt, vor der faschistischen Gefahr und vor reaktionären Kräften in der Weimarer Republik, oftmals nur »um in acht Jahren einmal zitiert zu werden«, daß die Leute dann sagen: »Ja - das konnte eben Keiner voraussehen!« (aus: »Die Reichswehr«, 1922).

Tucholsky konnte, was die meisten nicht wollten. Am Ende konnte er sogar verzweifeln.

Kurt Tucholsky kam am 9. Januar 1890 in Berlin zur Welt und studierte ebenda und in Genf Jura. 1915 promovierte er in Jena, bevor er zum Militärdienst eingezogen wurde. Schon früh zeigten sich seine wahre Passion und Begabung - als Schriftsteller. Bereits in seiner Erstveröffentlichung »Märchen« (1907) widmete er sich auf seine ihm eigene humoreske Art den Schwierigkeiten moderner Kunst- und Denkrichtungen in einem reaktionären Machtsystem. Dieses Problem bestand auch nach der Novemberrevolution 1919 fort; von Anfang an sah Kurt Tucholsky die junge Republik in höchster Gefahr aufgrund der reaktionären Machtstrukturen, die erhalten geblieben waren. Tucholskys Werke sind informativer, lehrreicher und anschaulicher als jedes Geschichtsbuch und vermitteln gleichzeitig die Einsicht, daß viele der vermeindlich modernen Probleme, mit denen wir heute zu kämpfen haben, tatsächlich gar nicht mal so neu sind.

Doch war Kurt Tucholsky weit mehr als ein politischer Autor. Seine literarische Reise von seinen Publikumserfolgen »Rheinsberg« (1912) nach »Schloß Gripsholm« (1931) trat er »Mit 5 PS« (1928) an: in der Berliner Wochenschrift »Weltbühne« veröffentlichte er in verschiedenen Rubriken (Politik, Justiz, Theater und Literatur, Lyrik und Satire) unter mehreren Pseudonymen (Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel, Kaspar Hauser), um einer zu häufigen Nennung seines Namens vorzubeugen. »Fromme Gesänge« (1919) begleiteten seine Konvertierung zum Christentum; aus der jüdischen Gemeinde war er bereits 1914 ausgetreten. Seine Kritik am bürgerlichen Leben tarnte er als »Träumereien an preußischen Kaminen« (1920).

Lange hielt es Kurt Tucholsky in Deutschland nicht aus. 1924 ging er als Korrespondent der »Weltbühne« nach Paris; ab 1929 lebte er in Schweden. Mit der Machtübernahme der Nazis wurde er ausgebürgert, seine Bücher verboten und verbrannt. Kurt Tucholsky zog sich freiwillig ins Schweigen zurück, er bezeichnete sich selbst als »aufgehörter Schriftsteller«, der mit all dem fertig war. Doch zeigen seine Briefe und späten Werke, daß in seinen Gedanken und Sorgen bis zuletzt »Deutschland, Deutschland über alles« (1929) ging.

Auf dramatische Weise sollte sich Bewahrheiten, was Kurt Tucholsky in einem Gedicht gegen fanatische Schwärmerei schrieb:
»Mein Mann? Mein dicker Mann, der Dichter?
In Büchern: ja.
Im Leben: nein.«
(aus: »Die arme Frau«, 1918). Ohne Hoffnung und zusätzlich geschwächt durch eine mysteriöse Erkrankung und mehrere Operationen vergiftete sich Kurt Tucholsky mit Schlaftabletten. Er starb am 21. Dezember 1935.

In einem fiktiven Abschiedsbrief an ihn schrieb Arnold Zweig (1887-1968): »Wieviel stille Tränen sind schon geflossen, weil man Sie auf die Vermißtenliste setzen muß, die Liste derer, die wir immer vermissen werden« (1936). Einen wie ihn, der »uns so lachen und zürnen machte... wer so herrlich zu spaßen und weise zu sehen vermochte« (Arnold Zweig, 1936), vermissen wir bis heute.

Für uns ist Kurt Tucholsky die Persönlichkeit des Monats Januar.


Silke Sorge