Konrad Röntgen! (27.03.1845 - 10.02.1923)

Neugierde, Sorgfalt & ...Bescheidenheit

Hand auf's Herz, denken Sie sich manches Mal, wenn jemand von Ihnen Ehrbezeugung für einen großen Entdecker erwartet, »Na und? Wenn der es nicht gefunden hätte, dann hätte es eben ein anderer entdeckt«? Dann passen Sie mal gut auf!

Es war weniger Genialität, die dem 1845 geborenen Wilhelm Konrad Röntgen den Weg in die Annalen der Geschichtsschreibung bahnte, sondern seine Neugierde, Sorgfalt und Bescheidenheit. Genialität würden wir nach heutiger Erkenntnis von einem Sohn von Cousin und Cousine auch nicht erwarten. Daß er 1863 auch noch von der Schule verwiesen wurde, weil man ihn irrtümlich für den Urheber einer Karikatur seines Lehrers hielt, begrenzte seine Möglichkeiten enorm (eine externe Prüfung scheiterte, da er wiederum an denselben Lehrer geriet).
1865 besuchte der in den Niederlanden aufgewachsene Deutsche zunächst als Gasthörer die Universität Utrecht. Ohne Abitur hatte er keine Chance auf einen Abschluß, weshalb er an das Eidgenössische Polytechnikum in Zürich wechselte, wo die Studenten per Aufnahmeprüfung ausgewählt wurden, die Konrad Röntgen wegen seiner guten Zeugnisse jedoch erlassen wurde. Mit dem Diplom als Maschinenbauingenieur in der Tasche (1868) absolvierte er an der Zürcher Universität ein Aufbaustudium für Physik bei August Kundt (1839-1894) und promovierte bereits 1869 mit einer thermodynamischen »Studie über Gase«.

1870 ging Konrad Röntgen als Assistent von August Kundt nach Würzburg. Dort holte ihn die Vergangenheit wieder ein. Da er kein Abitur vorzuweisen hatte, verweigerte ihm das bayerische Hochschulgesetz die Habilitation, weshalb er 1872 seinem Lehrer auch nach Straßburg folgte, wo er sich als Privatdozent durchschlug und 1874 habilitierte.

1879 wurde Konrad Röntgen zum Professor nach Gießen berufen und 1888 (Ironie des Schicksals) nach Würzburg, wo er 1894 sogar Rektor wurde. Da brauchte er nichts mehr zu beweisen, zusammen mit A. Kundt hatte er die Drehung der Polarisationsebene des Lichtes in Gasen nachgewiesen und in Gießen den Photoakustischen Effekt und den sogenannten »Röntgenstrom« beschrieben, der die Maxwellsche Theorie des Elektromagnetismus bestätigte.
Kurz, Konrad Röntgen war bereits ein anerkannter Physiker, als er am 8. November 1895 mit Kathodenstrahlen experimentierte und dabei bemerkte, daß einige Kristalle in seinem Labor zu leuchten begannen. Sofort war ihm klar, daß die Ursache dafür nur eine bisher noch nicht beschriebene Strahlung sein konnte, die er kurzerhand mit X-Strahlen betitelte - und so heißen sie, außer im deutschsprachigen Raum, bis heute (X-rays).

Mitnichten war Konrad Röntgen der erste, der auf diese Strahlen gestoßen war, u.a. auch Nikola Tesla (1856-1943) und Heinrich Hertz (1857-1894), aber er war der einzige, der sich dafür interessierte. Tag und Nacht arbeitete er, die neuartige Strahlung zu untersuchen und stellte fest, daß sie nahezu alles durchdringen konnte, Metalle und auch die Hand seiner Frau , wobei die Knochen auf einer photoempfindlichen Platte weiße Schatten hinterließen. Konrad Röntgen erkannte die Tragweite dieser Entdeckung und regte bereits in seiner ersten Veröffentlichung vom 28. Dezember eine medizinische Nutzung an. Ärzte und Wissenschaftler waren begeistert, Konrad Röntgen wurde zum 'Superstar', doch reagierte er auf den Rummel, indem er sich nur noch tiefer in Forschung und Privatleben zurückzog.

Zum ersten Mal hatte die Menschheit ein noninvasives Untersuchungsverfahren, die Möglichkeit, in einen Organismus zu schauen, ohne diesen aufschneiden zu müssen. Dafür erhielt Konrad Röntgen 1901 als erster den Nobelpreis für Physik.

Er hätte reich werden können, aber bewußt verzichtete er auf eine Patentierung, und so konnte 'das Röntgen' binnen kürzester Zeit die Medizin weltweit revolutionieren, es avancierte sogar zum Partygag. Die ersten Jahre ahnte noch niemand etwas von den schädlichen Auswirkungen, die damit verbunden sind. Vielleicht bekam auch Konrad Röntgen selbst, der 1900 nach München berufen worden war und dort über Piezoelektizität arbeitete, durch den längeren ungeschützten Kontakt mit der Strahlung den Darmkrebs, an dem er 77-jährig am 10. Februar 1923 verstarb.
Am Ostersonntag wäre Wilhelm Konrad Röntgen 160 Jahre alt geworden.

Nun denken Sie bitte nie wieder »Wenn der nicht, dann eben ein anderer...«.
Hätte ein anderer die X-Strahlen entdeckt, wäre die Geschichte wohl anders verlaufen.

Autor: Silke Sorge