Karl August Fürst von Hardenberg (31.05.1750 - 26.11.1822)

Reformer, Staatsmann &... Idealist

Für uns, die wir in einer bürgerlichen Gesellschaft leben (was immer das im einzelnen bedeutet), sind die Verhältnisse einer feudalen Gesellschaftsordnung, in der die Bauern per Erbuntertänigkeit den Lehnsherren gehörten, kaum mehr vorstellbar. Ebenso wenig mag man sich vorstellen, daß sich diese Verhältnisse gerade erst vor 200 Jahren zu ändern begannen! Der Wandel von einer feudal-aristokratischen zu einer freiheitlich-bürgerlichen Gesellschaft zog sich ausgehend von der französisch-bürgerlichen Revolution über Europa hin und wurde speziell im deutschen Raum von einigen Staatsbeamten mitgetragen, initiiert und (teils) durchgesetzt, die merkwürdigerweise selbst aus der Feudalklasse stammten. Einer von diesen war Karl August Fürst von Hardenberg.

Karl August von Hardenberg, Sohn eines Oberst, wurde 1750 in Essenrode (bei Braunschweig) geboren und im Geiste der Aufklärung erzogen. Früh erkannte er seine Berufung und begann im Alter von 16 Jahren in Göttingen ein Jurastudium, daß er in Leipzig fortsetzte. Hier nahm er zusammen mit Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) Zeichenunterricht bei dem Bildhauer und Direktor der Kunstakademie Adam Friedrich Oeser (1717-1799). Karl August von Hardenberg entwickelte sich zum -liebhaber und Kunstkenner, dem wir unter anderem eine umfassende Bibliothek zu verdanken haben, die sich heute im Besitz der Zentral- und Landesbibliothek Berlin befindet.

1770 begann Karl August von Hardenberg seine Tätigkeit im Kurfürstentum Hannover. 1774 heiratete er Christiane von Reventlow (1759-1793). Wegen einer Liebschaft seiner Frau mit dem Prinzen von Wales kündigte er 1781 den Dienst beim Kurfürsten (und englischen König) und wurde Geheimrat im Herzogtum Braunschweig.

Karl August von Hardenberg ließ sich von seinen idealistischen Ideen leiten, nach denen die bestehende Realität in Politik und Verwaltung nicht den Vorstellungen der Aufklärung entsprach. Veränderungen herbeizuführen lag - abgesehen von kämpferischen Handlungen - nur in der Hand von Männern wie ihm, die die entsprechende Bildung mitbrachten und die Möglichkeit, in die entscheidenden Machtpositionen zu gelangen. Trotzdem - in Hannover und Braunschweig stieß Karl August von Hardenberg mit seinen Reformbemühungen auf taube Ohren. In Braunschweig gelang es ihm immerhin das Schulsystem nach den Lehren des schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) zu reformieren sowie Schule und Kirche zu trennen. Sein eigentlicher Durchbruch begann jedoch mit einem Desaster.

1788 ließ sich Karl August von Hardenberg von seiner Frau scheiden, um die zu diesem Zwecke ebenfalls geschiedene Sophie von Lente zu heiraten. Dies war des gesellschaftlichen Skandals zu viel, und Karl August wurde in Braunschweig entlassen. 1790 fand er eine Anstellung beim Markgrafen von Ansbach-Bayreuth, der für seinen Rücktritt vom Amt einen Minister suchte, der die Eingliederung seiner Ländereien in preußischen Besitz leitete. Nun konnte Karl August von Hardenberg seine Reformvorstellungen erstmals verwirklichen. Er scharte einen Mitarbeiterstab um sich, zu dem auch der spätere Bildungsreformer Karl Freiherr vom Stein zum Altenstein (1770-1840) gehörte.

Im Krieg Preußens gegen Frankreich wurden ihm umfangreiche administrative Aufgaben übertragen, 1795 verhandelte und unterschrieb er für Preußen den Friedensvertrag von Basel. In dieser Zeit ließ er sich von dem jungen Alexander von Humboldt (1769-1859) assistieren, dem er seine erste Anstellung gegeben hatte.

Ermutigt durch die Kriegserfahrungen strengte Karl August von Hardenberg auf eigene Faust Gebietserweiterungen Richtung Franken an, doch der preußische König pfiff ihn zurück, beschränkte seine Allmacht in Ansbach-Bayreuth und machte die Mehrheit seiner Reformen rückgängig.

Zwischen 1799 und 1803 gelang es Karl August von Hardenberg das Vertrauen des Königs Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) zu gewinnen. 1804 wurde er zum Außenminister ernannt. 1806 trat er auf Wunsch Napoleons zurück, wurde im Frühjahr 1807 wieder eingesetzt und nach dem Frieden von Tilsit im Juli 1807 auf Betreiben Napoleons erneut entlassen. Daraufhin setzte er sich für die Berufung des reformwilligen Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom und zum Stein (1757-1831) ein, der eine umfassende Umgestaltung Preußens einleitete, während Karl August von Hardenberg von Riga aus beratend wirkte. Da Karl vom und zum Stein einen Aufstand plante, wurde er 1808 durch den Hardenberg-Schützling Karl vom Stein zum Altenstein ersetzt, der sich vergeblich bemühte, die von vom und zum Stein begonnenen Reformen gegen den Widerstand der herrschenden Klasse durchzusetzen.

Nach seiner Ernennung zum preußischen Staatskanzler 1810 reformierte Karl August von Hardenberg das Finanzwesen und das Gewerbesteuergesetz. Er führte die Gewerbefreiheit ein und befreite die Bauern aus der Leibeigenschaft. SeinJudenedikt von 1812 machte nach jahrhundertelanger Diskriminierung die Juden erstmals zu vollwertigen Staatsbürgern. 1814 arbeitete er gemeinsam mit Wilhelm von Humboldt (1767-1835), dem Begründer der Humboldt-Universität Berlin, und Karl vom und zum Stein eine liberale Verfassung aus. Im selben Jahr wurde er zum Fürsten ernannt. Viele Ideen scheiterten jedoch an der Restauration.

Im Wiener Kongreß 1715 sicherte Karl August Fürst von Hardenberg Preußen noch erhebliche Gebietsgewinne, seine große Zeit war jedoch vorbei. 1822 erkrankte er auf einer Dienstreise und starb in Genua. Er wurde in dem nach ihm benannten Neuhardenberg begraben.
Am 31. Mai wäre der große Staatsreformer 255 Jahre alt geworden.


Silke Sorge