Joseph-Michel Montgolfier

Joseph-Michel Montgolfier (26.08.1740 - 26.06.1810)

Joseph-Michel Montgolfier und Jacques-Étienne Montgolfier (06.01.1745 - 02.08.1799):
zwei Brüder und der Traum vom Fliegen

Wer waren die ersten Menschen, die sich vom festen Boden lösten und in die Lüfte hinaufschwangen, um 25 Minuten später und etwa 7 Kilometer vom Startort entfernt mit ein paar Prellungen zwar, aber im großen und ganzen wieder sicher zu landen?

Wenn Sie nun an die oben erwähnten Brüder denken - wie es ja auch häufig behauptet wird - dann irren Sie sich! Es waren die Adligen Pilatre de Rozier (1754-1785) und der Marquis d' Arlandes (1742-1809), die am 21. November 1783 mit dem von den Gebrüdern Montgolfier erfundenen Heißluftballon in Paris die Seine überquerten und als erste Aeronauten der Welt Luftfahrtgeschichte schrieben. (Übrigens stürzte Pilatre de Rozier bereits zwei Jahre später mit einem selbstkonstruierten Ballon, der während der Fahrt Feuer fing, ab und wurde auf diese Weise nicht nur zum ersten Piloten, sondern auch zum ersten Opfer der Luftfahrt.)

Die Erfinder des Luftgefährtes, Joseph-Michel (1740-1810) und Jacques-Étienne Montgolfier (1745-1799) waren zwei von 16 Kindern eines Papierfabrikanten in Annonay bei Lyon in Frankreich. Sie erhielten eine umfangreiche Ausbildung in Naturwissenschaften und in Architektur und übernahmen die Fabrik ihres Vaters.

Joseph-Michel war ganz besessen von dem alten Traum der Menschheit vom Fliegen. Er unternahm allerlei, um den Luftraum zu erobern. Nach einem geglückten Selbstversuch - sprich, er sprang mit einem Fallschirm gewappnet vom Dach des Hauses - konnte ihn seine Familie jedoch davon überzeugen, von der Fortführung solcher »Experimente« abzusehen.

Wie Joseph-Michel Anfang der 80er Jahre des 18. Jahrhunderts auf die Idee kam, heiße Luft für einen Aufstieg zu verwenden, darum ranken sich viele Geschichten. Heute ist nur noch schwer nachzuvollziehen, was Wahrheit und was Anekdote ist. Fakt ist wohl, daß ein erster Versuch, eine Papiertüte mit dem Rauch des Kaminfeuers aufsteigen zu lassen, ihn so sehr begeisterte, daß er auch seinen Bruder Jacques-Étienne mit dem Flugfieber ansteckte.

Die nun folgenden Versuche mit Ballonen aus Papier konnte das Bruderpaar nur durchführen, weil sie durch ihre Fabrik finanziell und materiell abgesichert waren. Bereits Anfang Juni 1783 ließen sie in Annonay einen bunt bemalten Papierballon vor der Öffentlichkeit aufsteigen. Daß sie dabei verkündeten, daß nur sie in der Lage wären, das für den Aufstieg notwendige Gas zuzubereiten, war mehr als nur Show: tatsächlich glaubten die Brüder, daß der Rauch den Auftrieb gewährleistete und eine umso bessere Tragkraft besäße, um so dunkler und übelriechender er war.

Die Kunde von dem sensationellen Ereignis verbreitete sich rasch und erreichte auch den französischen König Ludwig XVI. (1754-1793) in Paris. Dieser beauftragte sofort die französische Akademie der Wissenschaften, namentlich Professor Jaques Charles (1746-1823), die Ballonversuche in Paris fortzusetzen; gleichwohl lud er die Brüder Montgolfier zu einer Demonstration ihrer Erfindung ein.

Dies setzte Professor Charles unter starken Druck, sich mit eigenen Experimenten zu beeilen. In Unkenntnis der Ereignisse in Annonay befüllte er einen Ballon mit Wasserstoff und ließ ihn am 27. August 1783 aufsteigen - so wurde binnen kurzer Zeit nach dem Heißluftballon auch der Gasballon erfunden.

Joseph-Michel und Jacques-Étienne Montgolfier überboten das Ereignis am 19. September desselben Jahres. Vor den Augen des Königs ließen sie mit einer sogenannten Montgolfiere ein Tier der Erde, ein Hammel, ein Tier des Wassers, einen Erpel, und ein Tier der Luft, einen Hahn, durch die Lüfte schweben. Damit begegneten sie einem Jahrhunderte alten Mythos, daß der Luftraum Geistern und Dämonen vorbehalten wäre und Lebewesen dort ersticken müßten. Da die Tiere den Flug tatsächlich überlebten, stimmte Ludwig XVI. einer bemannten Ballonfahrt zu, allerdings sollten zunächst Sträflinge als Versuchskaninchen dienen.

Dagegen protestierte der Adelsstand, allen voran der luftfahrtbegeisterte Pilatre de Rozier, ein Freund der Brüder Montgolfier. Er stellte sich selbst zur Verfügung und unternahm zunächst einen mit einem Seil gesicherten Aufstieg, bevor er gemeinsam mit dem Marquis d' Arlandes am 21. November 1783 die erste freie Ballonfahrt der Geschichte wagte. Seitdem besagt ein Dekret Ludwig XVI., daß Ballonfahrer adlig sein müssen, worauf die heutige Sitte zurückgeht, Passagiere nach erfolgreicher Ballonfahrt in den »Adelsstand der Ballonfahrer« zu erheben.

Wenige Tage nach der ersten Heißluftballonfahrt fand am 1. Dezember 1783 auch die erste Gasballonfahrt mit Professor Charles an Bord statt. Seine Technik, die sogenannte Charliere, verdrängte die unfallgefährdeten Heißluftballone rasch vom Himmel. Erst in den vergangenen 30 Jahren, nachdem feuersichere Stoffe entwickelt wurden, erlebte der Heißluftballon seinen großen Aufschwung.

Die Brüder Montgolfier veröffentlichten einige Bücher über Luftfahrt, führten aber auch ihre Papierfabrik redlich und gründeten eine Fachschule für Papierherstellung. Jacques-Étienne erfand ein Verfahren zur Herstellung von Pergamentpapier. Er starb am 2. August 1799 auf einer Fahrt von Lyon nach Annonay.
Joseph-Michel erfand ein Kalorimeter und den Hydraulischen Widder. Er starb am 26. Juni 1810 in Balaruc-les-Bains. Am 26. August wäre Joseph-Michel Montgolfier 265 Jahre alt geworden, sein Bruder Jacques-Étienne wäre zu diesem Zeitpunkt 260 Jahre alt gewesen.


Silke Sorge