Jean-Paul Sartre

Jean-Paul Sartre (21.06.1905 - 15.04.1980)

Philosoph, Schriftsteller &... Vordenker der '68er Studentenbewegung

»Wer die Dummköpfe gegen sich hat, verdient Vertrauen.«

Ob der Philosoph Jean-Paul Sartre die Dummköpfe gegen sich hatte, wer soll das beurteilen!? Sicher hatte der nur 1,56 Meter große Franzose, Hauptbegründer des atheistischen Existenzialismus, zeitweilige Kommunist und Sympathisant der Sowjetunion nicht nur Freunde.

Prägend für das Leben und die Lebensauffassungen von Jean-Paul-Charles-Aymard Sartre waren Erfahrungen aus seiner Kindheit. 1905 wurde er als Sohn einer Cousine Albert Schweitzers in Paris geboren. Da der Vater, ein Marineoffizier, bald darauf starb, wuchs Jean-Paul Sartre im bürgerlichen Haushalt seiner Großeltern auf. Doch er fühlte sich dort nie zuhause. Dieses Gefühl verschlimmerte sich nur, als seine Mutter 1917 wieder heiratete und die Familie nach La Rochelle zog. Er bediente sich sogar an der Haushaltskasse, um die neuen Klassenkameraden mit Süßigkeiten zu bestechen. Auch hatte es niemand verstanden, dem Jungen Religion mit einem Glauben zu vermitteln; so blieb Jean-Paul Sartre zeitlebens überzeugter Atheist.

1919 kehrte er nach Paris zurück, wo er 1922 das Abitur bestand. Er begann, sich für Philosophie zu interessieren und ließ sich stark von Martin Heidegger (1889-1976), Edmund Husserl (1859-1938), Karl Marx (1818-1883) und Georg Hegel (1770-1831) beeindrucken. 1924-1929 studierte Jean-Paul Sartre Philosophie, Psychologie und Soziologie. Später arbeitete er als Lehrer.

Während des Studiums befreundete sich Jean-Paul Sartre mit der nicht minder interessanten Philosophin Simone de Beauvoir (1908-1986), mit der er eine intensive und bedingungslos offene Lebensgemeinschaft einging - offen sowohl im Sinne von aufrichtig, als auch im Sinne von ungebunden.

1938 wurde Jean-Paul Sartre schlagartig mit dem autobiographisch inspirierten Roman »Der Ekel« berühmt, in dem er Belletristik und Philosophie verband. In seiner frühen Philosophie ging er davon aus, daß der Mensch ein vollkommen freies Wesen ist, das sich in jeder Situation entscheiden könne. Durch die Erfahrung des II. Weltkrieges mußte Jean-Paul Sartre erkennen, daß einem Menschen durchaus Dinge passieren können, für die er sich nicht bewußt entschieden hat. 1940 geriet er in deutsche Kriegsgefangenschaft, konnte aber (möglicherweise aufgrund seiner halbseitigen Blindheit) bereits 1941 in Paris seine Tätigkeit als Lehrer wieder aufnehmen.

1943 erschien sein erstes philosophisches Hauptwerk »Das Sein und das Nichts«. In vereinfachter Darstellung unterteilte Jean-Paul Sartre das Sein in solches, das an-sich existiert und jenes, das sich seiner Existenz bewußt ist und damit nicht an-sich, sondern für-sich existiert. Damit eliminiert das Bewußtsein das eigene An-sich-Sein und bringt das Nichts in die Welt, gleichzeitig aber auch die Freiheit, sich selbst zu definieren. Das Für-sich-Sein (der Mensch) muß sich nun das Wesen seines Da-seins wieder erarbeiten. Mit dem berühmten Ausspruch »Die Existenz geht dem Wesen voraus«, ist genau das gemeint. Nach Überzeugung Jean-Paul Sartres definiert der Mensch sein Wesen in einem lebenslangen Prozeß ausschließlich durch seine Taten.

Dabei kollidiert der Mensch regelmäßig mit anderen Für-sich-Existenzen, die seine Taten beobachten und beurteilen; mehr noch, die ihn in vorgefertigte Rollen und Schemen zwingen. Nur durch die Existenz und das Urteil anderer Für-sich-Wesen entstehen Begriffe wie Recht, Unrecht, Moral oder Gewissen. Oder, wie es Jean-Paul Sartre in dem Drama »Geschlossene Gesellschaft« (1944) formulierte: »Die Hölle, das sind die anderen.«

Auch er selbst schritt zur Tat, er engagierte sich politisch, zunächst in derResistance. In dem Theaterstück »Die Fliegen« (1943) wandte er sich - von aller Augen unbemerkt - gegen die deutsche Besatzungsmacht.

Nach dem Ende des II. Weltkrieges arbeitete Jean-Paul Sartre als freier Schriftsteller und Herausgeber von Zeitschriften und trat in der öffentlichen Diskussion unter anderem als Kriegsgegner in Erscheinung (Algerien, Vietnam...). Er bekannte sich zum Kommunismus, verließ jedoch die Partei, als die Sowjetunion 1956 den Volksaufstand in Ungarn niederschlug. 1960 erschien die »Kritik der dialektischen Vernunft«, ein Versuch, seinen Existenzialismus mit einer Art Marxismus zu vereinen.

1964 wurde Jean-Paul Sartre der Nobelpreis für Literatur verliehen, den entgegenzunehmen er jedoch ablehnte. 1968 stellte er sich öffentlich auf die Seite der Studentenbewegung, danach zog er sich aus der Politik zurück. Seinen letzten spektakulär-umstrittenen Auftritt hatte er, als er 1974 den RAF-Terroristen Andreas Baader (1943-1977) im Gefängnis besuchte.

Am 15. April 1980 starb Jean-Paul-Charles-Aymard Sartre nach langer Krankheit in Paris. Daß seine Philosophie heute aus der öffentlichen Diskussion verschwunden ist, ändert nichts an der Tatsache, daß er zu den bedeutendsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts gehört.
Am 21. Juni wäre Jean-Paul Sartre 100 Jahre alt geworden.


Silke Sorge