Jacob Grimm

Jacob Grimm (04.01.1785 - 20.09.1863)

Germanist, Jurist ... und Märchenerzähler

Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm sind wohlbekannt mindestens durch die »Kinder und Hausmärchen«(Erstausgabe 1812). Auch ihr Ruhm zu Lebzeiten gründete auf diesem Buch. Erklärt aber eine bloße Sammlung von Märchen, die nicht einmal eine künstlerische Eigenleistung erforderte, einen derartigen Erfolg? Deren wahre Bedeutung erschließt sich nur aus der Zeit: Da Anfang des 19. Jh. infolge der napoleonischen Kriege die rheinischen Gebiete unter französischer Besatzung standen, suchte das in Hanau geborene Bruderpaar im überlieferten Volksgut nach einer Hoffnung für die Zukunft. Dieses Märchenbuch, wie im übrigen das gesamte Grimmsche Schaffen, ist - wer würde das heute noch vermuten - ein politisches Bekenntnis!
Als größtem Verdienst könnte man den Gebrüder Grimm unterstellen, Idealisten gewesen zu sein, und zwar nicht nur in Gedanken und Worten, sondern auch in Taten, was einschließt, daß ihr Leben nicht immer ideal verlief. Als 1837 Königin Viktoria in London den englischen Thron bestieg, brauchte das mit Großbritannien in Personalunion stehende Hannover einen neuen König, da hier weibliche Erbfolge ausgeschlossen war. Viktorias Onkel Ernst August kam zum Zuge und setzte im Handumdrehen die liberale Verfassung des Landes außer Kraft. Die Grimm-Brüder waren unter den berühmten »Göttinger Sieben« Professoren, die sich gegen diesen Akt der Willkür zur Wehr setzten und prompt entlassen wurden. Jacob Grimm, der das Protestschreiben verfaßt hatte, mußte sein Hoheitsgebiet sogar innerhalb von drei Tagen verlassen.
Jacob Grimm träumte den von seinem Bruder geteilten Traum von einem geeinten Deutschland. Mehrfach versuchte er es mit öffentlichem Engagement. Auf der ersten Germanistenversammlung in Frankfurt a. M. 1846 proklamierte er die »deutsche Wissenschaft«, die es damals wohlbemerkt in diesem Sinne noch gar nicht gab, und wurde zum Vorsitzenden gewählt. In Folge der Märzrevolution 1848, deren Ziel in Deutschland die nationale Einheit und die Schaffung einer freiheitlichen Verfassung waren, wurde Jacob Grimm Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung, dem ersten freigewählten, gesamtdeutschen Parlament. Obwohl ihm eine Monarchie vorschwebte, war nach seinen Vorstellungen »der Begriff von Freiheit... an die Spitze unserer Grundrechte zu stellen«.
Enttäuscht durch die Streitigkeiten der unterschiedlichen Interessengruppen, zwischen denen er zu vermitteln suchte, widmete er sich jedoch rasch wieder ausschließlich der Germanistik. Da die Einheit Deutschlands auf politischem Wege noch nicht erreichbar war, strebten die Brüder Grimm eine Einheit des Volkes auf einer anderen, vielleicht weitaus wichtigeren Ebene an: in der Sprache (heute meint man, es gäbe Bestrebungen, das Gegenteil zu tun).
Es erscheinen u. a. die »Deutsche Grammatik« (1819/37), »Die deutsche Heldensage« (1829), »Deutsche Mythologie« (1835), »Die Geschichte der deutschen Sprache« (1848) und 1854 der erste Band des jahrhundertwährenden»Deutschen Wörterbuch«.
Die Gründung des Deutschen Reiches (1971) erlebten die Brüder Grimm nicht mehr, als Jacob am 20. September 1863 starb, war sein Bruder Wilhelm bereits tot. Trotzdem wage ich zu behaupten, sie waren - im nationalen, aber keineswegs nationalistischen Sinne - die ersten Deutschen.

Silke Sorge