Howard Hathaway Aiken (09.03.1900 - 14.03.1973)

Computer, Code & ...der erste Bug

Der US-Amerikaner Howard Hathaway Aiken konstruierte den ersten digitalen Großrechner, arbeitete auf dem Gebiet der Elektronik und Schaltungstheorie und erfand den sogenannten Aiken-Code, eine (heute nicht mehr angewandte) Methode zur Darstellung von Dezimal- als Binärzahlen. Howard Aiken gehört unbestreitbar zu dem Personenkreis, dem wir das »Computer-Zeitalter« zu verdanken haben.

Als Howard Aiken im Jahre 1900 zur Welt kam, verstand man unter dem Begriff »Computer« einen Menschen, der in speziell dafür eingerichteten Büros Auftragsberechnungen durchführte. Als einzigem Hilfsmittel standen Rechenmaschinen zur Verfügung, die nach einem Lochkarten-System von Herman Hollerith (1860 - 1929) arbeiteten, der auch einen Vorgänger der Firma gegründet hat, die heute als IBM bekannt ist. Diese Rechenmaschinen stießen jedoch rasch an ihre Grenzen, da sie beispielsweise nicht mit negativen Zahlen operieren konnten.

Howard Aiken studierte von 1919 - 1923 Elektrotechnik an der Universität von Wisconsin (Madison). Schon während des Studiums arbeitete er nebenbei und schaffte es in der Industrie zum Leitenden Ingenieur. Sein besonderes Interesse galt einer Maschine, die komplexe mathematische Funktionen berechnen kann, weshalb er ab 1935 an der Harvard Universität in Cambridge (Massachusetts) Physik studierte.

Es dauerte einige Jahre (genau genommen bedurfte es der Bedrohung durch den II. Weltkrieg) bis Howard Aiken die Unterstützung fand, um sein Projekt zu realisieren. Die Geschichte des Automatic Sequence Controlled Calculator (ASCC), den die IBM-Ingenieure Clair D. Lake (1888 - 1958), Benjamin M. Durfee (1897 - 1980) und Francis E. Hamilton (1898 - 1972) ab 1939 nach seinen Konstruktionsplänen bauten, begann jedoch schon hundert Jahre früher.

Howard Aiken hatte nämlich zu Beginn seiner Arbeit ausführlich die Entwürfe anderer Erfinder studiert und sich dabei insbesondere durch die Analytic Engine von Charles Babbage (1791 - 1871) inspirieren lassen. Die Analytic Engine war erstmals 1837 beschrieben und bis zu seinem Tod 1871 von Babbage kontinuierlich weiterentwickelt worden, indes gebaut wurde sie wegen des allzu großen Mißtrauens seiner Zeitgenossen und der enormen Kosten nie. Howard Aiken sah sich in der Position, das Werk von Charles Babbage zu vollenden.

Der ASCC wurde 1943 fertiggestellt und 1944 nach Harvard überführt, wo er später in Harvard Mark I umbenannt wurde. Unter der Aufsicht des US-Marine-Leutnants Grace M. Hopper (1906 - 1992), die den Computer programmierte, führte er balistische Berechnungen für das Militär durch.

Den Ruhm, den ersten funktionsfähigen, frei programmierbaren, digitalen Computer hergestellt zu haben, mußte Howard Aiken bald zu recht an Konrad Zuse (1910 - 1995) abtreten, der seinen Z3 bereits 1941 vorgestellt hatte und sich seit 1935 um ein Patent dafür bemühte. Der deutsche Bauingenieur war durch den II. Weltkrieg jedoch international isoliert, weshalb seine Erfindung wenig bekannt wurde und die Konstruktion des Mark I (bzw. seiner Nachfolger) die Entwicklung der Computertechnik wesentlich stärker beeinflußte.

Mit unseren heutigen Vorstellungen von einem »Computer« hatte der 3,5 Tonnen schwere und in der Front 15 mal 2,5 Meter große Mark I allerdings kaum etwas gemein. Es handelte sich um eine elektro-mechanische Maschine, bestehend aus über 760000 Einzelteilen, Relais, Kugellager, Zählräder, elektrische Kupplungen und 80000 Meter Leitungsdraht. Die Eingabe erfolgte über einen 24-spurigen Lochstreifen, die Ausgabe per Kartenstanzer oder elektronischer Schreibmaschine. Die Leistungsfähigkeit dieses »Computers«, eine Addition in 0,3 Sekunden, eine Division in 11 Sekunden, wird heute locker von jedem Taschenrechner geschlagen.

Und doch hat Mark I seine Spuren hinterlassen. Als Ursache für einen plötzlichen Ausfall der Maschine im Sommer 1945 fand sich eine Motte, die in eines der Relais eingedrungen und dort verendet war. Grace Hopper hinterlegte das Tier im Betriebsprotokoll (es befindet sich noch heute in der Sammlung des Naval Surface Weapons Center in Dahlgren, Virginia). Seit diesem Tag entschuldigte sie Funktionsausfälle des Rechners gern mit der Ausrede, daß sie gerade beim »Entwanzen« (debugging) wären. Die Begriffe »bug« für einen Programmfehler und »debugging« für die Fehlerbeseitigung sind heute fester Bestandteil der Computerterminologie.

Howard Aiken wirkte bis 1961 als Professor für Mathematik in Harvard und leitete dort ab 1946 das erste Computerlabor. Nach seiner Emeritierung zog er nach Florida und gründete eine eigene Computerfirma. Er starb fünf Tage nach seinem 73. Geburtstag auf einer Geschäftsreise.
Am 9. März wäre Howard Hathaway Aiken 105 Jahre alt geworden.


Silke Sorge