Ferdinand Sauerbruch

Ferdinand Sauerbruch (03.07.1875 - 02.07.1951)

Chirurg, Autor &... Nazisympathisant?

 

»Der beste Schutz gegen die Managerkrankheit ist eine gute Sekretärin.«

Den Ursprung dieses Ausspruches - so aktuell und zutreffend er klingt - würde man wohl in den Chefsesseln eines Aufsichtsrates der Industrie vermuten. Er stammt aber von dem bekanntesten Arzt des 20. Jahrhunderts: Ferdinand Sauerbruch. Unsterblich wurde er spätestens durch den Film »Sauerbruch - Das war mein Leben« (1954), in dem seine Person recht heroisch dargestellt wird. Ganz unberechtigt ist diese Darstellung tatsächlich nicht; Ferdinand Sauerbruch leistete auf dem Gebiet der Chirurgie bahnbrechendes, auch wenn seine Verfahren heute längst weiterentwickelt und durch moderne Behandlungsmethoden ersetzt sind.

1875 wurde Ernst Ferdinand Sauerbruch in Barmen (heute Wuppertal) geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters arbeiteten seine Mutter und seine Schwester hart, um ihm das Studium der Medizin in Marburg, Jena und Göttingen zu ermöglichen. 1902 schloß er mit der Promotion ab.

Als Assistenzarzt widmete er sich zwischen 1903 und 1905 in Breslau der Brustraumchirurgie. 1904 führte er in einer von ihm entwickelten Unterdruckkammer eine Operation am geöffneten Thorax öffentlich vor. Zuvor waren solche Operationen unmöglich, da auf das Öffnen des Brustraumes das Zusammenfallen der Lunge und damit der Erstickungstod der Patienten folgte. Ferdinand Sauerbruch ermöglichte Eingriffe erstmals durch einen starken Unterdruck (9 hPa) in der Operationskammer. Heute wird das Problem durch einen künstlichen Überdruck (3 Pa) in der Lunge und gleichzeitige Lähmung der Atemmuskulatur gelöst.

Nach seiner Habilitation »Experimentelles zur Chirurgie des Brustteils der Speiseröhre« (1905) ging Ferdinand Sauerbruch nach Greifswald. In Marburg forschte er ab 1907 über Organtransplantationen. 1911 wechselte er als Professor nach Zürich, wo er die operative Behandlung der Lungentuberkulose entwickelte. In der von ihm gegründeten Privatklinik bestritt seine erste Frau das Sekretäriat. Wie gut sie diese Aufgabe erfüllte, ist nicht überliefert, doch von der Managerkrankheit blieb Ferdinand Sauerbruch offensichtlich verschont.

Mit Ausbruch des I. Weltkrieges 1914 meldete er sich als Freiwilliger an die Front, wurde jedoch auf Wunsch der Züricher Universität bereits im Folgejahr beurlaubt. Fortan widmete er sich der Entwicklung der »Sauerbruch-Hand«, einer Prothese, die erstmals willkürliche Bewegungen ermöglichte und während des Krieges reichlich dankbare Abnehmer fand.

Nach seinem Wechsel 1918 nach München entwickelte er die sogenannte »Umkipp-Plastik«, bei der bei Verlust des Oberschenkelknochens an dessen Stelle der Unterschenkelknochen eingesetzt wird. Ab dem Knie machte sich dann eine Prothese erforderlich. Er veröffentlichte das zweibändige Lehrbuch »Die Chirurgie der Brustorgane« (1920/25).

Als Ferdinand Sauerbruch 1928 Professor an der Berliner Universität und Direktor der Chirurgie an die Berliner Charité wurde, war er bereits ein anerkannter Arzt, aber er konnte seinen Ruhm noch weiter steigern. Sein Mut zu neuartigen und schwierigen Operationen machte ihn weltberühmt. Auch war er Mitautor eines Werkes über »Wesen und Bedeutung des Schmerzes« (1936), ab 1938 gab er die Zeitschrift »Neue Deutsche Chirurgie« heraus.

Als 1933 die Nazis die Macht übernahmen, begann ein heikler Abschnitt seines Lebens. Mit seinen offiziellen Aktivitäten unterstützte er vor allem in der Anfangszeit deren System. 1934 wurde er zum Staatsrat ernannt, 1937 erhielt er den Nationalpreis. Privat half er Verfolgten, erst spät kritisierte er die Euthanasie. Auch ließ er es sich nicht nehmen, dem jüdischen Maler Max Liebermann (1847-1935), der mit der Erzählung »Der Chirurg« ein Porträt Sauerbruchs gezeichnet hat, die letzte Ehre zu erweisen. 1941 war Ferdinand Sauerbruch Teilnehmer der Mittwochsgesellschaft, einem geistigen Kreis von 16 führenden Persönlichkeiten, der in Berlin seit 1863 Tradition hatte.

Nach dem II. Weltkrieg wurde er als Gesundheitsbeauftragter in den Magistrat Berlins berufen. Er konnte sich nach den vielen Vergewaltigungen deutscher Frauen jedoch nicht mit einer ethischen Indikation für Abtreibungen durchsetzen.

Aus vielschichtigen Gründen wurde Ferdinand Sauerbruch 1949 von der Universität um sein Entlassungsgesuch gebeten; so hatte er beispielsweise altersbedingt seine chirurgische Sicherheit verloren. Noch rechtzeitig vor seinem Tode im Jahre 1951 erschien seine Autobiographie »Das war mein Leben« (1951), die 1954 verfilmt wurde.
Am 3. Juli wäre Ernst Ferdinand Sauerbruch 130 Jahre alt geworden.


Silke Sorge