Eugen Sänger (22.09.1905-10.02.1964)

Ramjets, Raketen, »Raumboote«... - die geistige Vaterschaft des Space Shuttle

Ramjets, Raketen, Raumfähren (die Eugen Sänger noch »Raumboote« nannte) - die Begriffe klingen fast austauschbar, und doch stehen unterschiedliche Konzepte dahinter: Eugen Sänger beschäftigte sich mit allen von diesen.

Ramjets sind luftatmende Düsenantriebe, bei denen die Luft aufgrund der Geschwindigkeit des Flugzeugs vor Eintritt in die Brennkammer verdichtet wird. Raketen sind dagegen autarke Antriebssysteme, die alle für die Verbrennung notwendigen Stoffe mit sich führen - ein Antriebssystem das gegenüber Düsen eigentlich nur Nachteile hat, es sei denn, man will sich durch luftleeren Raum, z.B. das Weltall bewegen.

Eugen Sänger wollte das! Allerdings dachte er nicht an Raketen, sondern an weiterentwickelte Flugzeuge. Er träumte von Raumgleitern, die feste Stationen im Orbit anfliegen und unbeschadet wieder zur Erde zurückkehren. Sein Traum, umgesetzt in Forschungen und Berechnungen, war die Grundlage für das heutige Space Shuttle!

Eugen Sänger wurde 1905 im böhmischen Preßnitz geboren, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Als Jugendlichen phaszinierte ihn Kurd Lasswitz' (1848-1910) »Auf zwei Planeten« (1897). Zunächst studierte Eugen Sänger in Graz Bauingenieurwesen. Als 1923 Hermann Oberths (1894-1989) Buch »Die Rakete zu den Planetenräumen« erschien, in dem er nach Konstantin Ziolkowski (1857-1935) das Prinzip eines Raketenantriebes beschreibt, ließ sich Eugen Sänger wie viele seiner Zeitgenossen, u.a. auch Wernher von Braun (1912-1977), von diesen Möglichkeiten begeistern. Eugen Sänger wechselte nach Wien, um Flugzeugbau zu studieren.

Noch während des Studiums beschäftigte er sich mit Raketentreibstoffen, Düsenantrieben und Konstruktionen für Überschallflugzeuge. Seine Erkenntnisse über die »Raketenflugtechnik« legte er 1929 der TH Wien als Dissertation vor, die Arbeit wurde jedoch abgelehnt. Daher promovierte er 1930 über Flugzeugtechnik und veröffentlichte die »Raketenflugtechnik« 1933 als Buch. Das Werk machte ihn berühmt, lange Zeit war es die bedeutendste Veröffentlichung zu dem Thema, es gilt heute als Klassiker.

Nach dem Studium optimierte er eine treibstoffgekühlte Flüssigkeitsrakete. Daraufhin beauftragte ihn 1936 das Reichsluftfahrtministerium (RLM) in Deutschland mit dem Aufbau der Raketenversuchsanstalt Trauen (Niedersachsen). Unter den Mitarbeitern befand sich auch seine spätere Frau Dr. Irene Bredt. Ab 1937 entwickelte er Raketen- und Düsentriebwerke, die der berühmten V2 (erstmals 1942 von Wernher von Braun in Peenemünde fertiggestellt) weit überlegen waren. Mit einem Staustrahlrohr (Ramjet) auf ein Propellerflugzeug montiert, erreichte er (persönlich als Flugbegleiter) Geschwindigkeiten von über 700 km/h!

Eugen Sänger dachte dabei an den Griff nach den Sternen, das RLM an Bomben auf Amerika. 1942 wurde er wegen ungenügender kriegstechnischer Ausrichtung aus dem Projekt entlassen, allerdings kurz darauf in Ainring bei der Deutschen Versuchsanstalt für Segelflug wieder angestellt. Hier arbeitete er an dem hochgeheimen Projekt »Silbervogel«, mit dem er seinen Traum vom Raumgleiter näher kommen wollte, die Nazis ihrem der Bombardierung Amerikas.

Der »Silbervogel« sollte ein Fernflugzeug werden, auch Antipodengleiter oder Antipodenbomber genannt. Von einem zweistufigem Raketenantrieb einmal auf eine Höhe von 145 Kilometer gebracht, sollte der Flugkörper langsam in die Stratosphäre zurücksinken und den Aufprall wie ein Kieselstein auf Wasser zum erneuten Sprung in eine höhere Flughöhe nutzen, wonach sich der Vorgang wiederholen würde. Spätere Analysen ergaben, daß der »Silbervogel« beim Wiedereintritt verglüht wäre, mit einem verbesserten Hitzeschild jedoch in der Lage gewesen wäre, die USA tatsächlich zu erreichen - wenn er jemals gebaut worden wäre.

Diese Leistung machte Eugen Sänger nach dem Kriege sowohl für die USA als auch für die Sowjetunion interessant. Er zog es mit seiner Frau jedoch vor, in Frankreich für das Luftfahrtministerium zu arbeiten. 1951 wurde er auf dem Gründungskongreß der Internationalen Astronautischen Föderation zum ersten Präsidenten gewählt. 1954 kehrte er nach Deutschland zurück und übernahm den Aufbau und die Leitung des Forschungsinstituts für Physik der Strahlantriebe in Stuttgart. Er entwickelte das bis heute futuristische Prinzip des Photonenstrahlantriebes. 1957 wurde er Honorarprofessor an der TH Stuttgart.

Eugen Sänger glaubte an eine friedliche Nutzung des Weltraums. 1958 veröffentlichte er »Raumfahrt - technische Überwindung des Krieges. Aktuelle Aspekte der Überschall-Luftfahrt und Raumfahrt.« 1963 wurde er an die TH Berlin zum ersten Professor für Raumfahrttechnik in Deutschland berufen. Bis zu seinem Tod arbeitete er an Konzepten für mehrstufige Raumgleiter. Er starb bereits im darauffolgenden Jahr im Alter von nur 58 Jahren an den Folgen eines Herzinfarktes, den er während einer Vorlesung erlitten hatte.
Eugen Sänger wäre am 22. September 100 Jahre alt geworden.

Die Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt verleiht jährlich die Eugen-Sänger-Medaille »für besondere Verdienste auf dem Gebiet der Raumfahrtwissenschaften bzw. des Raumfahrtgeräts«.


Silke Sorge