Emil Kraepelin

Emil Kraepelin (15.02.1856 - 07.10.1926)

Psychiater, Forscher &... »Träumer«

Kennen Sie den Unterschied zwischen einem Psychologen und einem Psychiater? Der Psychologe beschäftigt sich mit unserer Psyche, mit dem Denken, Fühlen und Handeln. Der Psychiater beschäftigt sich mit den krankhaften Veränderungen von diesen. Der Psychiater ist also ein Mediziner, der Psychologe nicht.

Gehen Sie mit einem Problem zu einem Psychologen oder Psychotherapeuten, versuchen diese Ihnen vermittels Ihrer Einsicht und Vernunft und gegebenenfalls einem Training zu helfen. Menschen mit z.B. Halluzinationen, irrationalen Ängsten oder Depressionen wird das jedoch kaum nutzen. Derartige Erscheinungen führen Psychiater auf körperliche Ursachen, sprich biochemische oder physiologische Veränderungen im Gehirn, zurück, die sich ebenso wie beispielsweise Herz- oder Lebererkrankungen unserem bewußten Willen entziehen.

In früheren Zeiten wurden die Betroffenen als »verrückt« und »irre« bezeichnet und weggesperrt. Heute lehnt die Psychiatrie derartige Begriffe ab und betrachtet und behandelt ihre Patienten als Kranke. Dieser Sprung von der »Irrenanstalt« zum Krankenhaus ist maßgeblich mit dem Namen eines Mannes verbunden, dessen 150. Geburtstag wir in diesem Jahr begehen: Emil Kraepelin.

Emil Wilhelm Magnus Georg Kraepelin wurde am 15. Februar 1856 als jüngstes von sieben Geschwistern in Neustrelitz geboren, allerdings hat er nur drei von ihnen kennengelernt. Sein musisches Elternhaus, der Vater war Schauspieler und anerkannter Ernst Reuter-Rezitator, die Mutter stammte aus einer Musikerfamilie, hinterließ Spuren, er liebte das Theater, die bildenden Künste und verfaßte selbst Gedichte. Noch stärker beeinflußte ihn jedoch sein Bruder Carl Kraepelin (1848-1915), Naturwissenschaftler und Lehrer, der ihn zu botanischen Studien anhielt.

Nach dem Abitur studierte Emil Kraepelin 1874 in Leipzig Zoologie und Chemie, wechselte aber schon im Folgejahr zum Studium der Medizin, das er in Würzburg und Leipzig absolvierte. Noch in dieser Zeit wurde er Assistent des Neurologen Franz von Rinecker (1811-1883) in Würzburg, wo er sein Studium 1878 abschloß.

Da sich in Würzburg jedoch keine Aufstiegschancen boten, ging Emil Kraepelin rasch an die Oberbayerische Kreisirrenanstalt München zu Bernhard von Gudden (1824-1886), der heute vor allem noch als der Arzt bekannt ist, der am 13. Juni 1886 gemeinsam mit dem Bayerischen König Ludwig II. im Starnberger See den Tod fand. Doch als »Saupreuß« hatte Emil Kraepelin auch in Bayern keine Aussicht auf Karriere. Bereitwillig ging er deshalb 1882 als Assistent an die neugebaute Psychiatrische Klinik in Leipzig zu Paul Flechsig (1847-1929).

Wenn wir bestimmte Personen als Entdecker, Begründer oder Erfinder ehren, vergessen wir leicht, daß nahezu jede Entdeckung, Entwicklung oder Erfindung aus einem langen Weg besteht. Im Gedächtnis bleiben meist jene Persönlichkeiten, deren Schritte auf diesem Weg wir als besonders bedeutend erachten oder die einer Idee zum Durchbruch verhalfen, weil sie zu deren Verbreitung beitrugen. Beides trifft auf Emil Kraepelin zu.

Emil Kraepelin wollte psychiatrische Patienten heilen oder sie zumindest in die Lage zu versetzen, entsprechend ihren Möglichkeiten ein weitestgehend würdiges aber auch der Gemeinschaft nützendes Leben zu führen, doch hatte er kaum Mittel dazu. Zu Kraepelins Zeit war man weit davon entfernt, psychiatrische Erkrankungen zu verstehen. Die Ansicht, daß die Quelle geistiger Erkrankungen das Gehirn ist, begann sich gerade erst durchzusetzen. Bereits das war ein bedeutender und nicht selbstverständlicher Schritt, der sich nur unter dem Einfluß der Aufklärung hatte vollziehen können. Schließlich stand diese Einsicht im Widerspruch zur kirchlichen Aussage, daß Seele und Körper voneinander getrennt sind - und wohl nicht zufällig lehnte Emil Kraepelin den theistischen Glauben ab.

Mit nicht viel mehr als diesem sogenannten biologischen Ansatz (geistige Erkrankungen haben eine körperliche Ursache) startete Emil Kraepelin also in die Herausforderung der Erforschung psychiatrischer Krankheiten. Hirnanatomische Untersuchungen an Verstorbenen hatten meist wenig gebracht, und sie interessierten ihn kaum. Schon während des Studiums hatte er den Leipziger Philosophen und Psychologen Wilhelm Wundt (1832-1920) kennengelernt, und dessen experimentalpsychologische Methoden führte er nun in die Psychiatrie ein.

Doch nur wenige Wochen nach seinem Start in Leipzig geriet er in Auseinandersetzungen mit seinem Vorgesetzten Paul Flechsig, und nach nicht einmal vier Monaten wurde er in Leipzig unehrenhaft entlassen. Emil Kraepelins Laufbahn schien beendet, bevor sie überhaupt begonnen hatte, sein Traum, in der »Psychiatrie und Psychologie« wissenschaftlich zu arbeiten, in weite Ferne gerückt.

In dieser Situation erhielt er von seinem früheren Lehrer Franz von Rinecker die Anregung, ein Lehrbuch zu schreiben. Außerdem unterstützten ihn dieser sowie Bernhard von Gudden und Wilhelm Wundt, damit er sich in Leipzig habilitieren konnte (1882). Im Folgejahr erschien sein »Compendium der Psychiatrie« (1883), das große Anerkennung errang und als Lehrbuch für »Psychiatrie« (1887-1927) in neun Auflagen erschien.

Nach Zwischenstationen in München (wiederum bei von Gudden), Leubus und Dresden wurde Emil Kraepelin 1886 als Professor für Psychiatrie nach Dorpat (heute Tartu, Estland) berufen. Doch Hand aufs Herz, die deutschsprachige Universität in Dorpat genoß zwar einen guten Ruf, diente aber auch der »Auslagerung« von Akademikern, die »im Reich« gerade nicht gebraucht wurden. Mit der Russifizierung der Universität ab 1889 bemühte sich Emil Kraepelin um eine andere Stelle, 1891 erhielt er einen Ruf nach Heidelberg.

In Heidelberg hatte er seine »große Zeit«, hier entwickelte er eine noch bis heute gültige Klassifizierung psychiatrischer Erkrankungen. Bis dato benannte man Symptomkomplexe, bahnbrechend neu war, daß Emil Kraepelin nicht nur die akuten Symptome berücksichtigte, sondern auch den Verlauf der Erkrankungen. Er unterschied schizophrene und affektive Störungen - Kraepelin nannte sie noch »Dementia praecox« und »manisch-depressives Irresein«. Der Begriff »Dementia praecox« (= vorzeitige Demenz) wurde später von Eugen Bleuler (1857-1939) in »Schizophrenie« (soviel wie »gespaltene Seele«) umgewandelt (womit keineswegs die von dem Horrorklassiker »Psycho« (1960) suggerierte »gespaltene Persönlichkeit« gemeint ist!).

Emil Kraepelin reiste Zeit seines Lebens gern und viel, meist zusammen mit seinem Bruder Carl, nach seiner Hochzeit 1884 mit seiner Jugendliebe Ina Schwabe (1855-1944) in Begleitung seiner Frau. Nicht selten waren es Forschungsreisen, in denen sich Emil Kraepelin über die psychiatrischen Praktiken anderer Länder und anderer Kulturkreise wie dem Islam in Bildung setzte.

Trotz guter Arbeitsbedingungen in Heidelberg wünschte sich Emil Kraepelin mehr Zeit für die Wissenschaft. 1903 übernahm er die Leitung der neugebauten Universitätsnervenklinik in München, sein Assistent wurde Aloys Alzheimer (1864-1915), der 1906 die nach ihm benannte Demenz-Erkrankung beschrieb.

Von lästigen Verwaltungsaufgaben erlöste Emil Kraepelin dieser Schritt freilich nicht. Er träumte weiter von einer unabhängigen Einrichtung, in der es möglich wäre, sich ungestört der psychiatrischen Forschung zu widmen und gleichzeitig Zugriff auf ein Patientenkollektiv zu haben. 1911, nach Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, bemühte er sich vergeblich um ein derartiges Institut unter dem Dach dieser Organisation.

Mitten im I. Weltkrieg, Ende des Jahres 1915, bekam Emil Kraepelin Schützenhilfe von einem seiner Patienten, dem US-amerikanischen Bankier James Loeb (1867-1933). Der Sohn deutscher Auswanderer war nach seiner Pensionierung aufgrund von Depressionen in die »Heimat« zurückgekehrt und wurde - angetrieben durch sein eigenes Schicksal - zu einem der bedeutendsten Wissenschaftsmäzen des 20. Jh.
Er versprach Emil Kraepelin eine hohe Geldsumme für eine »Forschungsanstalt für Psychiatrie«, unter der Voraussetzung, daß es innerhalb der nächsten Monate gelänge, deren Finanzierung sicher zu stellen. Mit dieser Startsumme gelang es Emil Kraepelin, weitere Mäzen zu begeistern. 1917 kam es in München zur Gründung der Stiftung Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie, 1918 nahm sie ihren Betrieb auf.

Zunächst war die Forschungsanstalt in den Räumlichkeiten der Universitätsklinik untergebracht, wodurch beide Einrichtungen in Konkurrenz um die vorhandenen Ressourcen gerieten. Die Situation eskalierte, als Emil Kraepelin 1922 emeritiert wurde. Wieder sprang James Loeb helfend ein, mit einem Privathaus, in das 1923 zumindest ein Teil der Forschungsanstalt umziehen konnte. 1924 wurde der wissenschaftliche Betrieb endlich von der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaftübernommen (später von der Max-Planck-Gesellschaft) - der Fortbestand der Stiftung war gesichert. Doch an geeigneten Räumlichkeiten mangelte es nach wie vor. Die durch Inflation stark belasteten Stiftungsfinanzen ließen dafür keinen Spielraum.

Im Alter von 69 Jahren ging Emil Kraepelin deshalb 1925 nochmals auf Forschungsreise. In den USA holte er sich die Zusage der Rockefeller Foundationüber die Finanzierung eines Institutsneubaus - und eine Herzerkrankung. Die feierliche Übergabe des Gebäudes in der Kraepelinstr. 2 (heute Max-Planck-Institut für Psychiatrie) im Juni 1928 erlebte er nicht mehr; am 7. Oktober 1926 erlag Emil Kraepelin einem Herzleiden.

Zu seinem Andenken wurde 1928 die »Goldene Kraepelin-Medaille« gestiftet, die bis heute alle fünf bis zehn Jahre an verdiente Mediziner vergeben wird. Auch eine Auswahl seiner Gedichte wurde unter dem Titel »Werden - Sein - Vergehen« (1928) veröffentlicht. Daß Emil Kraepelin trotz allem heute allenfalls in Medizinerkreisen bekannt ist, liegt sogar in seinem Sinne: er scheute die Öffentlichkeit, und die Ergebnisse seiner Arbeit waren ihm wichtiger als Ehrungen dafür. So ließ er auf seinen Grabstein in Heidelberg schreiben:
»Dein Name mag vergehen. Bleibt nur Dein Werk bestehen.«


Silke Sorge