Ada King, Countess of Lovelace

Ada King, Countess of Lovelace (10.12.1815 - 27.11.1852)

Mutter der Programmierung

Wohl keine zweite Person in der Geschichte der Computertechnologie ist derart umstritten wie Ada, Countess of Lovelace. Die einen feiern sie als den ersten Menschen, der sich mit der Programmierung von Computern beschäftigte, andere sehen ihre Rolle als stark überbewertet und behaupten, daß Ada Lovelace die »Analytical Engine« von Charles Babbage (1792-1871), die sie so begeistert haben soll, nicht verstanden haben kann und von Babbage nur für Werbezwecke benutzt wurde. Wie es wirklich war, wird sich nie mehr sicher nachweisen lassen.

Allerdings ist nicht ersichtlich, weshalb Ada Lovelace nicht in der Lage gewesen sein soll, Babbages Maschine zu verstehen. Ihre mathematisch begabte Mutter Anne Isabella Milbank sorgte dafür, daß die 1815 bei London geborene Augusta Ada Byron eine streng naturwissenschaftliche Ausbildung erhielt, einschließlich der für eine Mädchenerziehung ungewöhnlichen Fächer Mathematik und Astronomie. Die Mutter wollte damit unterbinden, daß ihre Tochter allzu sehr nach ihrem berühmten Vater, dem englischen Dichter George Lord Byron (1788-1824, »Don Juan«) gerate und am Ende gar noch Schriftstellerin werden wollte.

Schon als Teenager lernte Ada Byron die berühmte Mathematikerin Mary Somerville (1780-1872) kennen, die sie in ihren Interessen bestärkte. Das Mädchen besuchte Vorträge und technische Ausstellungen und zeichnete Konstruktionspläne für Maschinen, z.B. Flugzeuge. Mary Somerville führte Ada in die wissenschaftlichen Kreise Londons ein, wo sie 1834 auf einer Party Charles Babbage kennenlernte und von seinem seit 1833 betriebenen Projekt einer »Analytical Engine« erfuhr, worauf beide in regen Briefwechsel traten. Ihren Vater jedoch lernte Ada nie kennen, da sich ihre Eltern kurz nach ihrer Geburt getrennt hatten.

Im Sommer 1835 heiratete Ada Byron den kurze Zeit später zum Graf Lovelace ernannten Wilhelm King (1805-?). In rascher Folge bekam sie drei Kinder und war totunglücklich mit ihrer neuen Rolle als Hausfrau und Mutter, die ihr keinen Raum für ihre mathematisch-technischen und auch nicht ihre musikalischen Interessen ließ. Zudem war ihr als Frau der Zugang zu Bibliotheken verwehrt, weshalb sie 1840 Kontakt zu Augustus de Morgan (1806-1871), Professor für Mathematik an der Universität London, aufnahm. Möglicherweise von ihm erhielt Ada Lovelace 1842 einen französischen Text von dem italienischen Mathematiker Luigi Federico Menabrea (1809-1896), der Charles Babbage 1841 auf einer Vortragsreise getroffen und eine Abhandlung über dessen Konstruktionsversuche einer »Analytical Engine« verfaßt hatte.

Ada Lovelace übersetzte die Schrift, ergänzte sie mit eigenen Kommentaren und sandte sie an ihren Erfinder. Charles Babbage ermutigte Ada Lovelace daraufhin zu weiteren Ergänzungen. Die Schrift wurde veröffentlicht, wobei Adas Anteil das Dreifache des ursprünglichen Textes einnahmen. In ihren »Kommentaren« beschäftigte sie sich vor allem mit der Art und Weise, wie die »Analytical Engine« zu programmieren sei und erarbeitete einen Algorithmus zur Berechnung von Bernoulli-Zahlen. Phantasievoller als viele Männer noch hundert Jahre nach ihr sah sie eine breite Anwendungsmöglichkeit für eine solche Maschine nicht nur für wissenschaftliche und praktische Berechnungen, sondern für graphische Darstellungen, künstliche Intelligenz und dem Komponieren von Musik.

Zum genaueren Verständnis: Ada Lovelace programmierte eine Maschine, die nicht existierte - und die nie gebaut werden sollte. Denn Männer, nämlich aus britischen Regierungs- und Wissenschaftskreisen, die die »Analytical Engine« tatsächlich nicht verstanden hatten und das Potential der Maschine nicht erkannten, lehnten ihre Realisierung aus Kostengründen ab (obwohl, da ist man sich heute sicher, sie funktioniert hätte). Nichtsdestotrotz gilt Ada Lovelace als Begründerin der Programmierung.

In Fachkreisen fand ihre Arbeit Anerkennung, zu spüren bekam sie jedoch nur die Ablehnung durch die Gesellschaft, für die sie sich unmöglich machte. Nicht nur, daß sie sich als Frau für technische und mathematische Fragestellungen interessierte, sie machte auch keinen Hehl daraus und veröffentlichte unter ihrem eigenen Namen, anstatt, wie viele ihrer Zeitgenossinnen, unter dem Namen eines männlichen Verwandten. Bald lehnte auch Charles Babbage die weitere Zusammenarbeit mit ihr ab. Zwei Jahre danach, 1846, stellte er die Arbeiten an der »Analytical Engine« zu Gunsten eines Nachfolgeprojektes (»Difference Engine II«) ein.

Gemäß dem Motto »Ist der Ruf erst ruiniert...« stürzte sich Ada Lovelace ins Gesellschaftsleben, hatte Affären, verlor viel Geld beim Glücksspiel und bei Pferdewetten und kümmerte sich kaum noch um ihre Familie. Sie versuchte sich an weiteren wissenschaftlichen Projekten, doch wurde ihr Tatendrang bald durch Krankheit gebremst. Die letzten Jahre, bereits bettlägerig und zurückgekehrt in den Schoß der Familie, feilte sie an einem mathematisch fundierten Wettsystem.

Im Alter von nur 36 Jahren verstarb Augusta Ada Countess of Lovelace am 27. November 1852 an Krebs. Am 10. Dezember wäre sie 190 Jahre alt geworden.

Das britische Verteidigungsministerium nannte 1979 ihr zu Ehren eine Programmiersprache »Ada«.


Silke Sorge