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Thomas Müller über Rieger, Kybernetische Anthropologie (stw)

Riegers materialreiche und informative Studie besticht vor allem dadurch, daß sie Allianzen aufscheinen läßt, die allzu oft ausgeblendet werden oder längst vergessen sind ...

Die Kybernetik übernimmt das Kommando.
In seiner "Geschichte der Virtualität" zeigt Stefan Rieger, wie die Kybernetik zu einer Wissenschaft vom Menschen wurde.

Der Begriff "Kybernetik", zu deutsch Steuermannkunst, ist im alltäglichen und fachwissenschaftlichen Sprachgebrauch längst aus der Mode gekommen. Vorbei sind die Zeiten, wo Steuerung und Regelung in allen Lebensbereichen Einzug halten sollten, um gegenwärtige und zukünftige Probleme planmäßig lösen zu können. Im Unterschied zu den 1960er Jahren, als die Kybernetik in Ost und West reüssierte, steht man heute jedwedem Konzept von Planung (vor allem: Lebensplanung) eher skeptisch gegenüber. War Kybernetik deshalb nicht viel mehr als ein Trend, den es nun der Wissenschaftsgeschichte zu überantworten gilt?
Stefan Riegers Antwort darauf lautet: Keinesfalls. Mit seinem Buch "Kybernetische Anthropologie. Eine Geschichte der Virtualität" führt er den Nachweis, daß die Kybernetik – dem gegenwärtigen Abtauchen des Begriffs zum Trotz – einen prominenten Platz in der modernen Ordnung des Wissens einnimmt. Rieger zufolge ist Kybernetik die Wissenschaft, der es am ehesten gelingt, das Spezifische "des Menschen" unter den Bedingungen der Moderne zu erfassen und zu durchdringen. Da dies entweder nicht bemerkt oder bereits wieder vergessen wurde, scheint es lohnenswert, der Frage nachzugehen, wie es zu der Liaison von Kybernetik und Anthropologie kam bzw. kommen konnte. Rieger versucht dies mittels einer methodisch an Michel Foucaults Variante der Diskursanalyse orientierten "Archäologie des Wissens", die nach den Spuren sucht, die beide Disziplinen zueinander führen. Das Buch ist unterteilt in eine Einleitung und zwei etwa gleich lange Teile mit den Überschriften "Die Entwürfe des Menschen" und "Die Kybernetik des Wissens".

Im ersten Teil (S. 37-262) zeichnet Rieger vor allem die Verbindungslinien zwischen Anthropologie und Kybernetik nach und zeigt, wie die Kybernetik zumindest für eine gewisse Zeit zu einer Brücke zwischen Natur- und Geisteswissenschaften werden konnte, die Überschreitungen in beide Richtungen ermöglichte. Der eigene Anspruch der Kybernetiker, die Dichotomie von Natur- und Geisteswissenschaften um ein Drittes zu ergänzen, wird von ihm nicht als Hybris verstanden, sondern als ein "Effekt der modernen Episteme" (S. 10) dargestellt, der aus der spezifischen Ordnung des Wissens seit der Aufklärung resultiert. Um diese sich innerhalb von knapp zweihundert Jahren etablierende Ordnung des Wissens kartographieren zu können, fahndet Rieger nach begrifflichen und thematischen Parallelen zwischen Anthropologie und Kybernetik. Insbesondere in Konzeptionen des Sehens, der Zeitlichkeit und des Unbewußten wird diese moderne Wissensordnung präfiguriert. Deren Bündelung erfolgt im Begriff der Virtualität, der sich als Leitmotiv durch Riegers Buch zieht. Mit diesem Begriff wird es Rieger zufolge noch einmal möglich, das Wesen "des Menschen" in den Blick zu bekommen. Im Unterschied zu zeitgenössischen Medientheorien, die unter Medien vor allem Massenmedien verstehen, läßt sich auf diesem Wege auf den Menschen als Medium fokussieren: "Was immer Menschen tun, sie tun es im Zeichen irgendwelcher Bilder" (S. 33). Virtualität wird damit zu einer anthropologischen Kategorie, denn Menschen sind "auf Dauer gestellte Veranstaltungen ebendieser Virtualität" (ebd.), die im Modus von Phantasie und Imagination operieren.

Um diese Überlegung zu untermauern, spannt Rieger ein Tableau auf, auf dem sich nicht nur der Begriffsstifter der Kybernetik, Norbert Wiener, der Begründer einer kybernetischen Anthropologie, Karl Steinbuch, sowie Arnold Gehlen und Helmuth Plessner als Protagonisten der philosophischen Anthropologie begegnen. Hinzu tritt eine illustre Schar von Forschern unterschiedlichster Disziplinen, die als Vorläufer anthropologisch akzentuierten kybernetischen Denkens gelten können. Leibniz und Euler zählen dazu ebenso wie Heidegger und Herbart, der Gestaltpsychologe Kurt Lewin, die Pioniere im Bereich der Fernsehtechnik oder der ungarische Mathematiker Melchior Palágyi mit seinem Konzept der "vitalen Phantasie" (S. 111ff.). Die Schnittstellen zwischen Kybernetik und Anthropologie zeigen sich insbesondere dann, wenn nach der Relevanz technischen Wissens für das Wissen über Menschen gefragt wird oder präziser: wenn das Wissen über Maschinen auf die anthropologischen Wissensbestände appliziert wird. Rieger zufolge tritt hier ein Konstitutionsmoment der Moderne hervor: Steuerung im Sinne von Optimierung spielt nicht nur in bezug auf Dinge wie Maschinen eine Rolle, sondern wird auch auf Individuen, ja: auf "den Menschen" bezogen. Es geht hierbei um Techniken der Selbststeuerung zur Kultivierung von Freiheit – ein Paradox, das Immanuel Kant für die moderne Pädagogik auf die Frage brachte, wie sich die Freiheit bei dem Zwange kultivieren ließe.

Während im ersten Teil des Buches das Feld kybernetisch-anthropologischen Wissens unter modernen Bedingungen abgesteckt wird, richtet sich der zweite Teil (S. 263-511) auf das Reflexivwerden der Kybernetik. Der Erkenntnistheoretiker und Kybernetiker Heinz von Foerster bezeichnet diesen Sachverhalt als "Autologie". In den Blick gerät damit, daß die Kybernetik nicht nur einen wissenschaftsgeschichtlich zu rekonstruierenden Teil der modernen Ordnung des Wissens darstellt, sondern zugleich ein Werkzeug ist, "das die Komplexität gerade dieser Ordnung allererst sichtbar, beschreibbar und analysierbar macht" (S. 36). In der Systemtheorie Niklas Luhmanns wird diese methodische Rekursivität oder Selbstanwendung auch "Beobachtung zweiter Ordnung" genannt.

Ansätze für die Verschränkung divergierender Sichtweisen auf den Menschen entdeckt Rieger in der Literatur. Vor allem Heinrich von Kleist liefert mit seiner Schrift "Über das Marionettentheater" den Ausgangspunkt für Forschungen, die den Aspekt der Zeitlichkeit als Dynamik bzw. Bewegung untersuchen und so das spezifisch menschliche – entweder in Analogie oder in Abgrenzung zu Maschine und Tier – herauszupräparieren versuchen. Wiederum fächert Rieger auf, welche Personen hier welche Positionen besetzen, welche Hintergrundannahmen sie voraussetzen und auf wen sie referieren. Die Pointe seiner Ausführungen liegt darin, daß erst der Rückgriff auf Zahlen und Apparaturen den Stand und Status "des Menschen" verdeutlicht (vgl. S. 495). Eine kybernetisch konnotierte Anthropologie definiert den Menschen "als ein Wesen, das Zeit handhabt, das nie bei sich und das sich immer vorweg ist, das in einer Zukunft operiert, deren Spanne von den Mikrosekunden neuronaler Operationen (...) bis zu so lebenssachdienlichen Größen wie dem Moment oder der Situation reicht" (S. 499). Wenn Menschen im Modus von Bildern operieren, kann Virtualität zum Leitbegriff dafür avancieren, das Wesen des Menschen in seiner "technischen Existenz" zu suchen.

Riegers materialreiche und informative Studie besticht vor allem dadurch, daß sie Allianzen aufscheinen läßt, die allzu oft ausgeblendet werden oder längst vergessen sind. So geraten gerade nicht nur Autoren in den Blick, die zu Klassikern der Theoriegeschichte avancierten, sondern auch jene, die trotz ihrer Randständigkeit wirkmächtig wurden. Kritisch anzumerken ist jedoch, daß Riegers kybernetisch-archäologische Diskursanalyse zuweilen recht additiv gehalten und nur wenig systematisch ist. Der sich in bester foucaultscher Manier bedeckt haltende Autor mag dies nicht intendiert haben, legt er doch eine "Geschichte der Virtualität" und nicht eine Systematik kybernetischer Anthropologie vor. Der Nebeneffekt eines solchen Vorgehens ist indes, daß der Leser zuweilen selbst zum Archäologen wird. Trotz dieses Einwandes lohnt die Lektüre von Riegers Untersuchung. Der interessierte Leser kann hier eine Fülle von Anregungen erhalten, die dazu einladen, über das Verhältnis von Kybernetik und Anthropologie nachzudenken und weiter nach dem "ungefundenen Dritten" (R. Musil) in den Wissenschaften zu suchen.

Thomas Müller
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