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Während das Land in den letzten Jahrzenten eine unglaubliche Veränderung durchgemacht hat, sind die Kenntnisse über unseren nördlichen Nachbarn bei vielen auf dem Stand eines gewissen Liedes der Monty Pythons stecken geblieben. Erst in letzter Zeit hat das hervorragende Abschneiden der finnischen Schüler in der sog. Pisa-Studie das Interesse der Medien geweckt. Und natürlich hat auch der Erfolg des Flagschiffes der finnischen Wirtschaft, Nokia, aufhorchen lassen - aber Finnland hat mehr zu bieten. Mehr als Nokia Innerhalb von weniger als 10 Jahren hat sich die Situation dann vollkommen umgekehrt: Nokia ist heute einer der größten Technologiekonzerne weltweit, strategisch plaziert in einer der wichtigsten Zukunftstechnologien - Ericsson hat man längst in jeder Hinsicht hinter sich gelassen. Auch Finnland ist - nicht zuletzt mit Nokias Hilfe - aus der Krise der 80er Jahre gestärkt hervorgegangen und steht heute technologisch an der Weltspitze. Dabei leben Finnland und Nokia heute in einer Symbiose, wie es sie in wohl keinem anderen Land der Welt gibt. Bei allen Problemen, die dies mit sich bringt - politisch wie sozial - ist das auch eine Chance: Finnland hat massiv in Kommunikationstechnologie investiert, und bietet Ausbildungswege in diesem Bereich an, wie sie auch kaum ein anderes Land hat. Außerdem ist die Infrastruktur trotz der ungünstigen Ausgangslage (weiträumig, dünn besiedelt) - wie fast alles in Finnland - absolute Spitzenklasse. In den letzten Jahren haben sich drei Technologiezentren herauskristalisiert: Oulu, Tampere und Espoo. Die wichtigste Rolle nimmt dabei die direkt an Helsinki angrenzende Stadt Espoo ein. Selbstverständlich haben alle wichtigen finnischen Technologiefirmen, wie Nokia, F-Secure oder auch der Aufzughersteller Kone ihre Hauptsitze dort. Zwei Länder in einem
Landschaft und Klima Ansonsten ist Finnland nun mal ein nordisches Land. Das heisst, es ist eben kälter als bei uns - im Schnitt liegen die Temperaturen in Finnland etwa 5° unter denen in Deutschland. Weiter im Norden auch entsprechend mehr. Das ist gerade genug, um anstatt Schmuddelwetter Schnee zu bekommen, aber es hält den Winter auch entsprechend länger fest. Man könnte sagen, Finnland habe eigentlich 6 Jahreszeiten: Zwischen Herbst und Winter, sowie zwischen Winter und Frühjahr gibt es noch jeweils eine lange, graue Zeit, die einfach nicht zu Ende gehen will. Und natürlich sind so nahe am Polarkreis im Winter die Nächte sehr lang. Wenn dann noch das Wetter schlecht ist, und die Freunde fehlen, kann das schon sehr deprimierend werden. Wer das ganze Jahr bleibt, wird dann aber durch einen umso schöneren Sommer entschädigt. Irgendwie scheinen 22 Stunden Sonnenlicht am Tag im Körper Endorphine freizusetzen. Jedenfalls sind die Finnen im Sommer vor allem in Ferienlaune - aber auch als Ausländer kann man kaum genug kriegen von all dem Licht. Leider machen viele Austauschstudenten den Fehler Ende September anzureisen, und schon im Mai wieder wegzufahren. Damit verpasst man genau die schönste Zeit des Jahres, die einen für den langen Winter entschädigen sollte. Wenn möglich sollte man also spätestens Anfang September nach Finnland kommen, und auch mindestens bis Juhannus, also Ende Juni, bleiben. Alles im grünen Bereich? An anderen wilden Tieren sind vor allem Bären, Wölfe, Adler und Elche nennenswert. Von diesen gelten die Elche als die gefährlichsten. Nicht etwa weil sie besonders angriffslustig wären, vielmehr haben sie die unangenehme Gewohnheit, nachts auf einsamen Landstraßen zu stehen. Möglichst an unübersichtlichen Stellen, und meist ohne sich zu rühren, wenn ein Auto kommt. Wenn man dann noch weiss, dass so ein Elch schon mal über eine Tonne wiegen kann, versteht man, dass weit mehr Menschen durch Elchunfälle ums Leben kommen als durch Bären, Wölfe und sogar Jadgunfälle zusammen. Viele Ausländer scheinen dagegen eher mit einer anderen Gefahr zu kämpfen zu haben: Die Türschlösser funktionieren in Finnland völlig anders als bei uns. Manch einer hat sich schon in der Toilette eingeschlossen und kam nicht mehr raus. Tipp: zuerst aufschließen, dann die Klinke runterdrücken! Ansonsten ist Finnland aber wohl eines der sichersten Länder der Welt. Kaum irgendwo sonst gilt der Satz, dass der Mensch des Menschen Wolf sei, weniger als hier. Sprache, welche Sprache? Mehr noch: Die Finnen schweigen meisterhaft in drei Sprachen! Neben Finnisch ist Schwedisch Pflichtfach für alle Schüler. Außerdem spricht fast jeder fließend Englisch; viele - gerade ältere Leute - auch Deutsch. Und schon bei der Frage "do you speak English?" lernt man auch schnell eine weitere Eigenart der finnischen Mentalität kennen: Bescheidenheit! Die Antwort "very little" bedeutet nicht wie überall sonst in der Welt "eigentlich fast gar nicht", sondern eher "nicht so gut wie die Queen aber besser als die meisten Australier". Zugegeben: Finnisch ist keine Weltsprache, und ist auch keiner anderen verbreiteteren Sprache so ähnlich dass man es einfach verstehen könnte. Genauer gesagt klingt die Sprache für unser Ohr zunächst so fremd, dass man meint, das zu lernen fängt man am besten erst gar nicht an. Hat man aber einmal einen Einstieg geschafft, stellt man schnell fest, dass das Finnische einen ganz eigenen - wenn auch etwas spröden - Charme hat. Die Sprache ist auch hier wie die Menschen: zunächst etwas schweigsam und abweisend, aber wenn man einmal etwas besser kennengelernt hat, hat man einen Freund für's Leben. Nein ist keine Antwort! Man muss aber auch sagen, dass die Einheimischen einem das Sprachenlernen nicht unbedingt leichter machen. Geht man mit seinen frisch erworbenen Sprachkenntnissen etwa einmal in die Kneipe und bestellt in korrektem Finnisch zwei Bier: "Kaks oluta, kiitos", ist es wahrscheinlich, dass der Kellner in noch deutlich korrekterem Englisch antwortet: "Thank you Sir, that's nine Euros please". Die Sauna Was man aber häufig als Sauna verkauft - selbst die hier so genannte "finnische Sauna" - hat mit einer Sauna in Finnland nicht viel zu tun. Zunächst einmal ist die finnische Sauna sehr viel feuchter als unsere Nachbauten: Jeder darf vo viel Wasser auf den Ofen werfen, wie er eben aushalten kann (einem untrainierten Ausländer kann das schnell etwas zu viel werden), zum anderen besucht man öffentliche Saunen gewöhnlich nach Geschlechtern getrennt - nur mit der Familie schwitzt man gemeinsam. Das kann man auch nach Belieben: fast jedes Haus hat mindestens eine Sauna. Bei Mehrfamilienhäusern gibt es meist ein oder mehrere Saunen im Keller, die man stundenweise belegen kann - und zusätzlich noch häufige "Sauna-Abende", wo man gemeinsam mit den Nachbarn schwitzt. Dazu haben viele Familien eigene Sommerhütten, wo man (nicht nur im Sommer) am Wochenende mit seinen Freunden Saunaparties veranstaltet. Die eigentliche Sauna befindet sich hier meist in einer eigenen Hütte direkt am See. Nach der Sauna geht man dann im See schwimmen - im Winter muss man dafür eben zuerst ein Loch ins Eis hacken. Das klingt aber schlimmer als es ist: Selbst bei -20°C ist das Wasser ja nie kälter als 0°C, also im Vergleich zur Außentemperatur schon fast gemütlich warm. Außerdem ist der Körper nach einer ordentlichen Sauna so aufgeheizt, dass man die Kälte als angenehme Abkühlung empfindet. Das behaupten jedenfalls die Finnen. Die meisten Sommerhütten sind nicht an's Stromnetz angeschlossen. Geheizt wird natürlich mit Holz, und elektrisches Licht braucht man im Sommer natürlich auch nicht - so nahe am Polarkreis wird es auch nachts nicht richtig dunkel. Für den Winter gibt es Kerzen oder Petroleumlampen - die zu dieser Zeit natürlich schon früh am Nachmittag nötig werden. Aber Finnland wäre nicht Finnland, wenn man nicht auch in der abgelegensten Hütte erwarten könnte, dass das Handy funktioniert. Immerhin ist es das einzige Land, wo im Durchschnitt jeder Bewohner mehr als ein Mobiltelefon hat, meist natürlich aus einheimischer Produktion. Technikbegeistert wie die Finnen sind, erwarten sie wie selbstverständlich, dass man auch in der entlegensten Hütte problemlos mit dem Handy (z.B. einem Communicator) in Internet surfen kann. Das ist ihnen wichtiger als Strom und fließend Wasser. Kultur
Für ein Land von dieser Größe ist es ungewöhnlich dass ein Großteil der Pop-Musik, die es in die Charts schafft, von einheimischen Künstlern stammt. Zwar finden sich in der finnischen Top-10 auch die üblichen internationalen Superstars, der Anteil einheimischer Bands liegt aber auf einem Niveau, wie es sonst nur in englischsprachigen Ländern - und vielleicht noch Frankreich - zu finden ist. Dies zeigt, dass es im Land eine sehr aktive und kreative Musikszene gibt, die auch von den Leuten angenommen wird. Kein Wunder also, dass es eine ganze Reihe finnischer Bands gibt, die auch international den Durchbruch geschafft haben. Man denke nur an Bands wie HIM, Darude, Bomfunk MC oder den Leningrad Cowboys. Daneben gibt es aber eine Fülle wirklich hervorragender Bands, die im Ausland wegen der Sprachbarriere kaum oder gar nicht wahrgenommen werden. Zum Beispiel ist Ultra Bra - die seit Jahren erfolgreichste Band in Finnland - bei uns praktisch unbekannt. Die Chaos-Humppa-Truppe Eläkeläiset hat dagegen in Deutschland eine kleine aber treue Fangemeinde, es gibt aber Grund zum Zweifeln, ob die auch die Liedertexte wirklich verstehen.. Auch Bands wie Värttinä oder Don Huonot kennen bei uns nur Eingeweihte. Schade eigentlich. Auf das Risiko, sich bei Argentiniern unbeliebt zu machen: Der Tango wurde - wenn nicht in, dann doch wenigstens für - Finnland erfunden. Zwar haben auch die Argentinier eine eigene Variante dieses Tanzes, aber nur in Finnland wurde der Tango zu einem Massenphänomen. Einen Tangoabend auf dem Lande, oder einen echten Karaoke-Abend (wo jeder seiner Liebsten ihren Lieblingstango vorsingen kann) ist ein Erlebnis, dass man nicht so schnell vergessen wird - auf die eine oder andere Weise. Studieren in Finnland Wenn es darum geht, neben dem Studium Geld zu verdienen, schlägt allerdings die Sprachbarriere zu: ohne gute Finnisch- oder Schwedischkenntnisse bleiben meist nur Putzjobs - wenn man nicht gerade als Programmierer oder Web-Designer Anstellung findet. Wer nicht gerade Finnougristik studiert, sollte sich von der Sprache aber nicht von einem Studium in Finnland abhalten lassen: Viele Universitäten haben auch "internationale" Fakultäten, in denen Englisch Unterrichtssprache ist. Außerdem werden in fast allen Studienfächern englischsprachige Kurse angeboten. Falls doch mal nichts dabei ist, kann man mit den meisten Professoren auch mündliche Absprachen treffen, etwa dass man ein (englisches) Referat über ein deutsches Buch hält, oder eine mündliche Prüfung über ein englischsprachiges Werk. Überhaupt ist das Verhältnis zu den Lehrern deutlich entspannter als in Deutschland. Spätestens nach dem ersten gemeinsamen Saunaabend ist man ohnehin per Du (ja, das Finnische kennt ein "Sie", auch wenn es selten genutzt wird) und dass die Unis meist überschaubar klein sind tut ein übriges. Im übrigen ist es naheliegend, dass in einem Land, in dem man die Cola aus dem Getränkeautomaten per Handy bezahlt, die zur Verfügung stehenden Kommunikationstechniken auch angewandt werden: Niemand wundert sich also, wenn kurz vor der Vorlesung der Prof persönlich anruft um mitzuteilen, dass er etwas später kommt. Auch für uns ungewöhnliche Ideen, wie Prüfungen per Videokonferenz oder gar e-Mail sind hier - wenn auch nicht alltäglich, so doch nichts worüber man sich wundern würde. Der traditonell feste soziale Kitt, der die finnsche Gesellschaft zusammenhält, hilft, bei all dieser Technik nicht das Menschliche aus den Augen zu verlieren. Die regelmäßigen Studentenparties sind quasi Pflichtprogramm, und wie selbstverständlich enden sie fast alle irgendwann in der Sauna. Wer bei all dem denkt, da könne man das Studium ruhig locker angehen, der wird sich schnell umschauen: an einer finnischen Uni wird richtig hart gearbeitet. Die Studenten sind hoch motiviert und scheinen es auch irgendwie zu schaffen, trotz einer langen Partynacht noch fit, gut gelaunt - und vor allem perfekt vorbereitet - zum Unterricht zu erscheinen. Dass es nur relativ wenig Druck von den Lehrern gibt macht die Sache nicht unbedingt besser: man muss sich selbst motivieren - und das ist nicht unbedingt etwas, was uns das deutsche Schulsystem lehrt.
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