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Kühe nach Cambridge

Christian Weber über seine Studienerlebnisse an der britischen Elite-Universität
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Am besten waren die Kühe. Es waren glückliche Kühe - fett, frei und voll philosophischer Gelassenheit. Sie leben im Coe Fen, einer wilden Wiesenlandschaft, die sich entlang des Flusses Cam bis in die Stadt erstreckt. Hier können sie nach Herzenslust herumstöbern, Blumen fressen, Wege blockieren und Touristen erschrecken. Ich würde jeder Kuh einen Aufenthalt in Cambridge gönnen.

Ganz schön übersichtlich
Bei Studenten fällt der Ratschlag schwerer. Wer etwa beim Stadtbummel gerne mal unbekannte Gesichter sieht und unglücklich wird, wenn er in einen Kuhfladen tritt, der sollte sich einen Studienplatz in London suchen. Cambridge ist eine nahezu ländliche Idylle, eher eine Universität mit angeschlossener Stadt als ein eigenständiger Ort. Es gibt kaum ein Leben außerhalb der Colleges.

Zumindest die Studienanfänger wohnen und essen im College, lernen in der College-Bibliothek und surfen an den College-Computern. Bei Studienproblemen wenden sie sich an ihren College-Tutor; haben sie Sünden begangen, können sie in der College-Kapelle beim College-Kaplan beichten. In der Freizeit spielen sie Cricket auf dem College-Sportplatz oder rudern im College-Boot zum Ruhm des Colleges. Am Abend öffnet die College-Bar.

Die Prügelstrafe ist abgeschafft
Es ist eine Mischung aus Kloster und Jugendherberge, die für ein starkes Gemeinschaftsgefühl sorgt. Manchem wird es spätestens dann zu eng, wenn am Morgen die Putzfrau zum Bettenmachen kommt, oder wenn er in der Hausordnung liest, daß er sich schriftlich abmelden sollte, wenn er während des Trimester eine Nacht außerhalb von Cambridge verbringen will. Partys - definiert als Zusammentreffen von mehr als acht Leuten mit Alkohol - müssen genehmigt werden. Die Prügelstrafe ist abgeschafft.

Ziemlich romantisch
Manches Ritual mag am Anfang ein wenig irritieren: Beim feierlichen Abendessen im Speisesaal, müssen die Studenten eine schwarze Robe tragen, den Gown. Wenn der Gong schlägt, erheben sich die Studenten, die Fellows marschieren zu ihrem Tisch, ein Student spricht ein lateinisches Gebet. Dann wird serviert. Wer will, kann zumindest in den altmodischen Colleges jeden Abend auf diese Weise dinieren, manchmal sogar bei Kerzenlicht. Die meisten finden das ziemlich romantisch.

Streichquartette zum Studium
n den Backs, den College-Parks am Ufer des Cam finden sich einige der schönsten Flecken Englands. An lauen Sommerabenden finden hier Gartenpartys statt, wo Cocktails serviert werden und Streichquartette spielen. Auf dem Fluß kann man seine Liebste in einer Punt (einem Stechkahn, der mit langen Stangen fortbewegt wird) chauffieren, hinaus ins Grüne zum Picknick mit Erdbeeren und Champagner oder zum Teegarten nach Grantchester, wo schon J.M. Keynes und Bertrand Russell in ihren Tassen rührten. In den Colleges ist England so, wie es gern überall sein würde - und natürlich nicht ist. Noch nicht mal in Cambridge: Betreten gehen die Studenten an den jugendlichen Obdachlosen vorbei, die sich in die Stadt verirrt haben. Vielleicht auch, weil sie an die Brüchigkeit der Idylle erinnern.

Selbst in Großbritannien garantiert ein Studium in Oxford oder Cambridge keinen Arbeitsplatz mehr, geschweige denn eine steile Karriere. Allerdings werden bis heute die meisten Spitzenpositionen in Großbritannien von Oxbridge-Absolventen besetzt. Selbst die deutsche Abteilung der Unternehmensberatung McKinsey sucht regelmäßig unter den deutschen Studenten in Oxford und Cambridge nach Nachwuchs.

Hart, härter, ...
Der Mythos Cambridge hält sich selbst am Leben: Der gute Ruf sorgt für zahlreiche Bewerbungen und gibt der Universität die Möglichkeit, ihre Studenten auszuwählen. Die Betreuung ist vor allem bei Untergraduierten besser als in Deutschland (nicht immer bei den Postgraduierten), die Prüfungen sind härter. Berühmt-berüchtigt ist zum Beispiel der "Part III of the Mathematical Tripos", ein Kurs, für den sich überhaupt nur Einserstudenten bewerben können. Trotzdem fällt regelmäßig ungefähr ein Drittel am Ende des Kurses durch. Ein hartes Los, denn in Cambridge kann keine Prüfung wiederholt werden. Kein Wunder, daß hier ein Student in den drei Jahren bis zum ersten Abschluß häufig das gleiche Pensum bewältigt wie ein deutscher Student in seinem ganzen langem Studium. Das ist nicht unbedingt ein Beleg für die Qualität der Lehre.

Warum gibt's keine Nobelpreise mehr?
Natürlich ist Cambridge eine gute Universität, insbesondere für Naturwissenschaftler, theoretische Physiker etwa oder Molekularbiologen. Doch vor allem bei den ein- oder zweijährigen Master-Programmen empfiehlt sich ein genauer Blick auf Leute und Vorlesungsprogramm der gewünschten Fakultät: Für manchen Kurs fehlen die personellen und inhaltlichen Ressourcen, manche Inhalte sind angestaubt. Schon verständlich, daß sich Studenten der "Internationalen Beziehungen" mit Seekriegsführung im 18. Jahrhundert beschäftigen. Aber darf ein Kurs, in dem unter anderem zukünftige Diplomaten ausgebildet werden, Nord-Süd-Beziehungen und internationale Umweltpolitik weitgehend ignorieren? Schrumpfende Forschungsetats und schlechte Gehälter haben manchen Spitzenwissenschaftler in die USA vertrieben. Vor kurzem hing am Schwarzen Brett der berühmten wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät ein Plakat voller Selbstzweifel: "Warum bekommen wir keine Nobelpreise mehr?" Wem solche Fragen ernsthafte Probleme bereiten, dem bleiben zwei Möglichkeiten. Entweder er tritt einer "Drinking Society" bei, einem der Studentenvereine, die systematisch die Weinvorräte der Stadt vernichten. Oder er macht einen Spaziergang zum Coe Fen, und schaut den mampfenden Kühen zu. Man kann auch ohne Nobelpreis glücklich werden.

Christian Weber
 

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